Aus dem Buch Durch Sardinien: Bilder von Festland und Insel →
präsentieren wir die dem Sardinien-Aufenthalt im Jahr 1857 gewidmeten Seiten
INDEX
Kapitel I. [ex 12]
Auf der Insel Sardinien. — Cagliari. — Mein Cicerone. — Römische Ruinen. — Grabesbewohner. — Im Museum von Cagliari
Kapitel II.
Deutsche Erinnerungen in Cagliari. — Auf dem Molo und in der Ufervorstadt. — Eine Straßenscene
Kapitel III.
Reise im Eilwagen. — Die Bäder von Sardara. — Uras. — Hirtenkönigsgräber
Kapitel IV.
Oristano. — Einsamkeit am Golf. — Die Padrona und Fulgenzio der Cavalcante. — Milis im Orangenwalde. — Der Gendarmerie
Kapitel V.
Hirten und Landsleute. — Wilde Sitten. — Pergan. — Der Gendarm. — In der Einöde. — Ein nächtlicher Raubzug
Kapitel VI.
Sassari und das Thal von Rosello. — Im Kloster des San Francisco. — Erzählungen des Mönchs. — Die Mutter der Zwillinge. — Gastfreundlichkeit in der Zelle
Kapitel VII.
Alghero. — Ein vergessener Poet. — Fahrt zur Grotte des Neptun. — Sonnenaufgang. — Unterirdische Wunder.
I.
Auf der Insel Sardinien. — Cagliari. — Mein Cicerone. — Römische Ruinen. — Grabesbewohner. — Im Museum von Cagliari
Nach einer endlos scheinenden Seefahrt von vierzig Stunden kam ich im Hafen von Cagliari an. Wir waren um die ganze Ostseite Corsicas herumgefahren und hatten die mächtigen zackigen Gebirge, die endlich zum Kegel des Monte Rotondo heranwachsen, im klaren Tageslicht vor uns liegen sehen. Weiter ging es nun, durch das blaue, tyrrhenische Meer und am zweiten Abend kamen die buccinarischen Inseln in Sicht. — Wir umsegelten nun die ganze Ostseite Sardiniens, wie wir vorher die von Corsica umfahren. Leider hatte ich von der Seekrankheit viel zu leiden und mußte den größten Theil des Tages unten in der Cajüte zubringen; da lag ich in jener dumpfen Theilnahmslosigkeit, die dieses Uebel immer begleitet.
Als der zweite Morgen graute, näherten wir uns bereits dem Cap Elia; in kurzer Zeit mußten mir in Cagliari sein. Ich fühlte mich plötzlich gesund und konnte festen Schrittes aufs Verdeck hinaufgehen. Es war ein herrlicher Morgen; freudig rauschten die blauen Wellen und kühn und kräftiger verfolgte das Schiff seinen Lauf. Allmählig verzog sich der letzte Nebeldunst, der um die Küste strich, mit hellen, weißblinkenden Häusern stieg eine Stadt, amphitheatralisch erbaut, zwischen fahlen, blaugrauen und rötlichen Berglehnen empor.
Cagliari liegt an der Mündung des Flusses Malaria um einen weiten Meerbusen herum und auf den Anhöhen, die hinter der Bucht emporragen. Zunächst liegen Viertel, die nur als Vorstädte gelten: La Marina, von Festungswerken umgeben, gegen Westen; Villanova gegen Süden; weiter hinten, ziemlich jäh den Berg hinansteigend, erscheint die eigentliche Stadt, il Castello genannt, auf deren Spitzen das Castell mit seinen Thürmen, ein uraltes Festungswerk von den Pisanern erbaut, steht. Zwischen La Marina und Castello liegt Stampace. Weiterhin dehnen sich Lagunen hinaus, heiße Sümpfe, welche das Material für die sardischen Salinen liefern.
Der Busen von Cagliari, durch die weit vorspringende südöstliche Landspitze Capo Carbonaro geschlossen, bietet eine große, sichere Rhede. Der Anblick ist groß, aber ernst. Auf dem trockenen Felsboden ringsum kommt nur die Agave und der Cactus, kein Baum fort. So ungefähr malt sich die Phantasie eine Stadt auf der syrischen Küste.
Der Kofferträger, eine Art Wilder, von bräunlicher Ziegelfarbe und nur aufs Nothdürftigste bekleidet, lief so schnell mit meinem Gepäck voran, daß ich alle Mühe hatte, ihn im Gedränge nicht aus den Augen zu verlieren. Er schien nicht sowohl ein Kofferträger als vielmehr ein Kofferräuber zu sein. Doch lenkte er nicht, wie ich eine Zeitlang glaubte, in die Berge, sondern in einen Gasthof der Vorstadt Stampace ein, ein ödes und schmutzig aussehendes Haus, in dem ich nun nolens, volens meine Herberge suchen mußte.
Eine Stunde später stand ich auf der Gasse, inmitten des Marktgedränges und wahrlich in einer fremden Welt, als ein alter kleiner, buckliger Mann an mich herantrat. „Ich sehe,“ redete er mich an, indem er den Hut lüftete, „daß Du ein Fremder bist. Eine Schande wäre es, wenn solch ein Herr in Cagliari auf der Gasse stehen bleiben sollte und Niemand sich fände, der ihn führte! Ich will Dein Cicerone sein und Dir die Merkwürdigkeiten der Stadt zeigen. Aus dem Wege, ihr Leute,“ sprach er, eine Gruppe kleiner, schwarzer Lazzaronis mit heftiger Geberde anfahrend „dieser fremde Herr will mit mir gehn! Diese hier“ sprach er zu mir gewendet, „würden Dir was Rechtes zeigen können! Solchen Herrn muss ein Mann von Bildung und Belesenheit führen, kein Lump, kein unwissender, patoisredender Tagedieb.“
Mir gefiel der kleine Bucklige und ich überließ mich seiner Führung.
„Du siehst in mir“ sprach der Kleine, nachdem er seine zerrissenen Schuhe gebunden und den Rock, der auf einer Bank neben dem Hausthor lag, angezogen hatte „Du siehst in mir einen Advokaten aus Cagliari, Don Pascal Fiordigianus, einen Adeligen. Und zwar wurde ich nicht adelig durch Erlangung der Advokatur, wie es auf dieser gebenedeiten Insel das Gesetz feststellt, sondern ich stamme aus einem altadeligen Hause, das aber leider schon seit Menschengedenken keine guten Tage sieht. Du wunderst dich, Herr, einen Mann von edlem Blut, von Gelehrsamkeit und feinen Sitten in diesem Anzuge und genöthigt zu sehn, seine Dienste als Cicerone anzubieten? Eine lange Reihe von Cabalen, die Dir hier zu erzählen zu weitläufig wäre, hat mich dahin gebracht. Wenn es Dir länger in Cagliari gefallen sollte und Du Abends in die Schenkstube der Schlange, in welcher Du wohnest, herabkommen solltest, werde ich Gelegenheit haben, Dir die Geschichte meines Lebens zu erzählen, aus welcher manche Lehre zu ziehen ist.“
Wir gingen, während Don Pascal Fiordigianus so sprach, durch das Viertel Stampace zum Castello hinan. Die Hauptstraßen sind breit, reinlich, wohlgepflastert, aber für Fuhrwerke zu steil! Vor einer alten, geräumigen, aber verwahrlosten Kirche blieb mein Führer stehn. „Dies“ sagte er „ist die Kirche des heiligen Lucifer. Du wirst als Fremder Dich wundern, den Namen des Fürsten der Finsterniß hier einem Heiligen beigelegt zu finden. Wisse aber, daß dieser Lucifer ein Bischof unserer Stadt im vierten Jahrhundert gewesen, ein Freund und Zeitgenosse des großen Athanasius. Wiewohl wir Leute von Cagliari ihn immer verehrten, blieb seine Heiligkeit ungewiß, bis Pius der Siebente auf die Bitte des Vicekönigs, spätern Königs Carlo Felice, ihn heilig sprach. Es ist gut, daß seitdem dem Lucifer in der Hölle ein anderer im Himmel gegenübersteht.“
In Castello liegen die vorzüglichsten Gebäude der Stadt: der Palast des Vicekönigs, mit einer prachtvollen Fronte, der mit Marmor überkleidete Dom, die Münze, das Theater und die Universität, eine Hauptzierde der Stadt. Von der Terrasse derselben hat man die herrlichste Aussicht auf das Meer, die Darsena, die Salinenteiche und die ringsumliegenden Vorstädte. Ganz nahe dabei erhebt sich der sogenannte Elephantenthurm.
Auf diesen Thurm schien der landsmannschaftliche Stolz meines Führers besonders viel zu geben. „Sieh diesen Campanile“ sagte er, „er ist höher als der weltberühmte Thurm von Pisa, ein Werk der Pisaner vom Jahre 1307; man weiß nicht, ob man sich mehr über die Schönheit seiner Architectur oder über seine Wohlerhaltenheit wundern soll. So sorgfältig ist seine Steinverkleidung, daß sie wie eine große Marmorfläche aussieht und ihre schöne rothe Farbe hat nicht ihres Gleichen. Du frägst, warum er der Elephantenthurm heiße? Siehe über dem Eingang den kleinen Elephanten aus Marmor zwischen verschiedenen Wappenschildern! Er ist hier, weil unsere Insel so oft die Elephanten von Carthago sah! In unserem großen Museum, das Du auch besuchen mußt, wirst Du ihre mächtigen Gebeine finden.“
Diese Beziehung auf Carthago entzündete meine Phantasie. Ich wollte plötzlich alles sehen, was hier an die phönicische Herrschaft noch mahnen konnte. Gleich wäre ich ins Museum gegangen, aber mein Cicerone meinte, daß der Eintritt nur nach vorläufiger Meldung möglich sei.
Nach dem Essen wollte ich sehen, was von Ruinen des alten Calaris noch übrig ist und Fiordigianus [sic!] war abermals erbötig mich zu führen. Man geht zur Stadt hinaus, an der kleinen Kirche San Paolo vorbei und sieht die Trümmer von den Teichen aus bis gegen St. Saturnin zu, vom Meere bis hoch die Anhöhe hinanreichen. Das Amphitheater, dessen mächtige Ringmauer noch sichtbar ist, gibt ein Maaß für die Größe und Bedeutung der Stadt: es konnte mindestens zwanzigtausend Zuschauer fassen. Somit steht es, was den Umfang betrifft, in erster Rangordnung unter den noch vorhandenen römischen Monumenten. Es würde einen großartigen Anblick bieten, wenn nicht Tausende von Quadern im Innern und draußen in wilder Zerstörung herumlägen.
Im Felsen sieht man tiefe Cisternen, die in neuerer Zeit von ihrem Schutt befreit und für die Bewohner Cagliari’s brauchbar gemacht wurden. Hinter diesen läuft ein Aquädukt von fünfundvierzigtausend Metern Länge, ein wunderbares Zeugniß römischer Thatkraft, das die Vandalen oder Mauren zerstört haben. So groß angelegt ist die Wasserleitung, daß ein hochgewachsener Mann in ihr herumgehen kann, ohne sich bücken zu müssen.
Noch merkwürdiger als alles dies ist die ungeheure Nekropolis, die sich in den Kalkhügeln von St. Avendres befindet. Sie stammt aus einer noch früheren Zeit als Amphitheater und Aquädukt, nämlich aus der Zeit der punischen Herrschaft. Freilich haben später auch Römer hier ihre letzte Lagerstätte gefunden. Leider ist der Zugang zu diesen Gräbern sehr schwierig, man muß auf Händen und Füßen kriechen und kann sich nirgendwo aufrecht stellen. Doch sieht man noch wie einzelne Todtengemächer ihren Mörtelbeschlag und verschiedene Sculpturarbeiten bewahrt haben. Die wohlerhaltenste dieser Grabstätten, weil sie eine der letzten ist, nennt das Volk grutta dessa pibera; in ihr hat, wie die Inschrift besagt, der Prätor L. Philippus seine Gattin Pomptilla beigesetzt. Sie ist tief in den Felsen gegraben und hat einen säulengestützten Portikus. Zwei Schlangen sind über dem Fronton ausgemeißelt und mehrere griechische und lateinische Inschriften bedecken die Seitenwände.
In viele dieser Grabstätten sind jetzt proletarische Familien eingezogen, und leben darin in Elend und Unflath. Gestalten in Lumpen gehüllt, wilde, düstre, abgezehrte Hungergestalten erschienen, als ich vorüberging, am Eingang ihrer Wohnstätten, Kinder kamen mir bettelnd nachgelaufen. Eine junge Frauensperson, die in einem solchen Grabe wohnte, saß vor ihrer Thür auf einem zerbrochenen Säulensockel. Sie hatte ihr Kind im Arme, es war eingeschlafen, eine schreckliche Geschichte war auf ihrem blassen, schönen Gesichte geschrieben, sie sah mit einem almosenbittenden Blick beredsam zu mir empor. Ich legte ihrem Kinde, dem unbewußten Bettler, was ich an kleiner Münze hatte, in den Schoos und mußte mich, ehe ich um den Hügel kam, noch öfter nach ihr umsehn. Das Grabesmädchen war mir wie ein phantastisches Wesen, halb Gespenst, halb Weib erschienen . . . . .
Es war spät geworden, als ich vom Besuch dieser Ruinenstätte zurückkam. Die Stadt mit ihren Castellmauern, das seltsam zerrissene Gebirge, die weiten Lagunen, vom Widerschein des Abendhimmels glänzend, boten ein ödes und trauriges, aber großartiges Bild. So seltsam war mir zu Muthe, daß ich kaum wußte, ob ich träume oder wache. Der Himmel hatte eine unheimliche, düstere Röthe, wie von einer weitverbreiteten Feuersbrunst. Es war ein afrikanischer Himmel, kein italienischer mehr, und erfüllte das Gemüth mit Melancholie ja mit Schrecken. Der steinige Boden, allenthalben von Trümmern und Dorngestrüpp bedeckt, stand mit allem Uebrigen im Einklang. Die Seele konnte sich lebhaft unter das wilde, fanatische Volk zurückträumen, das einst hier geherrscht und die Röthung des Horizonts, die allmählig verlosch, konnte sich die Phantasie als von einem glühenden Molochbilde herrührend deuten . . . . . .
Am nächsten Morgen besuchte ich das Museum von Cagliari. Gleich beim Eintritt in dasselbe begegnet man mehreren römischen Sarkophagen, die von Bonaria, einer Anhöhe unfern der Hauptstadt, herrühren. Doch dergleichen sieht man oft. Merkwürdiger waren mir die Reste aus phönicischer Zeit, welche man sonstwo so selten zu Gesicht bekömmt. Hier sind sie es nicht. Phönicier waren bekanntlich die ersten Colonisten der Insel, sie waren es, wenn man den Etymologen trauen darf, die ihr den Namen gegeben haben. Sareth bedeutet die ausgespreizte Hand und mit einer solchen haben Römer und Griechen noch späterhin die Gestalt der Insel verglichen. Die Herrschaft Carthago’s, die sich fast über ganz Sardinien ausbreitete, dauerte 268 Jahre. Das Joch war schwer, furchtbar blutig, wie es in der Art dieses Volkes lag. Alles geschah, um die Insel unwirthbar zu machen. Nichtcarthager, die man handeltreibend ergriff, wurden ohne Erbarmen ersäuft. Das Museum weist eine ganze Reihe, mehrere hundert phönicischer Idole auf, meist weibliche Figuren, Astarten von abschreckender Obscönität.
In einem zweiten Saal sieht man eine ziemliche Anzahl römischer, punischer und saracenischer Münzen, Fragmente von Vasen, Glasprodukte zu verschiedenen Zwecken bestimmt. Eine Marmortafel mit einer phönicischen Inschrift ist in den Cascinen der barmherzigen Brüder zu Pula ausgegraben worden. Sie enthält in acht Zeilenreihen fünfundvierzig Buchstaben, die hebräischen gleichen. Nach des Custode Ausspruch sollte die Inschrift folgendes bedeuten: „Sosimus, ein Fremder, schlug hier im hohen Alter sein Zelt auf. Sein Sohn hat ihm dies im Grabesgarten gestiftet,“ — aber Sosimus ist kein phönicischer Name und somit scheint mir auch das Uebrige zweifelhaft.
Endlich sieht man römische Rüstungen, Waffen und Pflugschaaren. Beinschienen aus Bronze, die zu St. Antioch aufgefunden worden, sollen nach dem Urtheil der Kenner weder aus dem Mittelalter, noch aus der Römerzeit herrühren, müssen also einer noch früheren Epoche angehören.
II.
Deutsche Erinnerungen in Cagliari. — Auf dem Molo und in der Ufervorstadt. — Eine Straßenscene
Es war in Cagliari, wo Karl V. seine berühmte Seeexpedition gegen Tunis und Goulette ausrüstete. Der Hafen, der jetzt so todt und öde da liegt, und in welchem nur zehn bis zwanzig kleine Fahrzeuge ankern, war damals der allgemeine Sammelplatz der verbündeten Mächte; es fanden sich dort zur selben Zeit die Schiffe von Spanien, Portugal, Neapel, Sizilien, die Galeeren von Genua und Rom, Venedig und Malta ein. Lange lag die ungeheuere Flotte, um auf sechs Monate verproviantirt zu werden, im Hafen des alten Calaris und erfuhr nicht den geringsten widrigen Zufall; so genau passen die Verse Claudians:
Urbs Libiam contra Tenditur in longum Caralis. Efficitur portas medium mare tutaque ventis Omnibus ingenti mansuescunt stagna recessu.
Der Name Karl V. berührt im fremden Lande wie eine landsmannschaftliche Erinnerung. Karl war ja der Enkel Maxens und eigentlich der letzte deutsche Kaiser. Wird sein Name genannt, so gruppiren sich um diesen blitzgleich die Namen Sickingen, Hutten, Reuchlin, Luther, man ist im deutschen Worms, im flämischen Brüssel. Hier also ist er auch gewandelt, der gewaltige Mensch, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, unter dem es schien, als ob der Thron des deutschen Kaisers ein Thron der ganzen Christenheit werden wolle und unter dem die neue Lehre erwachte. Wie stände es um Deutschland heute, wenn er, wie es eine Zeitlang schien, sich auf ihre Seite geschlagen hätte! Doch Karl wollte die Weltherrschaft, er wußte, daß die romanischen Völker dem großen Zug nicht folgen konnten, der damals wie ein Sturm durch die germanische Welt fuhr, und um seine Welt nicht zu spalten, ward er der Feind der Bewegung und kämpfte sich müde an ihr, bis er in’s Kloster von St. Just ausruhen ging.
Doch noch eine Erinnerung überkömmt den Deutschen, der hier fern vom Vaterland träumt. Gehn wir noch weiter in der Geschichte zurück, so finden wir ja einen deutschen Königssohn, der in Cagliari wohnte und König von Sardinien war.
Es ist der Sohn Friedrichs II., der letze Sprosse der Hohenstaufen — König Enzio.
Es gibt wohl wenig so poesievolle Gestalten wie dieser Enzio, der so schön und so tapfer, ein Dichter und ein Held war, der von seinem Vater zärtlich geliebt, an ihm mit einer unbegrenzten Liebe hing, der ihm in all seinen furchtbaren Kämpfen gegen das Papstthum zur Seite stand und das schreckliche Loos hatte, den Untergang seines glorreichen Hauses anzusehn und von sieben und vierzig Jahren vier und zwanzig im Kerker zuzubringen.
Sechszehn Jahre war der schöne Enzio, als er sich auf den Wunsch seines Vaters mit Adelasia, der Wittwe Ubaldo’s, des letzten Königs der vereinigten sardinischen Reiche von Torres und Gallura verheirathete. Bis an den Gürtel reichte sein blondes Haar, an Heldenmuth und Körperkraft war er allen Rittern seiner Zeit überlegen.
Rasch hatte er die beiden andern kleinen Königreiche, in welche die Insel getheilt war, erobert, und erhielt von seinem Vater den Namen eines Königs von Sardinien.
Doch Weib und Reich mögen ihm nicht sonderlich gefallen haben. Adelasia war gerade noch einmal so alt wie er, und als er Sardinien erobert hatte, wollte seine Thatkraft nicht rasten; sein Vater rief ihn zurück, und ernannte ihn zum Statthalter Italiens.
Gregor IX. hatte Friedrich in den Bann gethan und ließ gegen den römischen Kaiser den Kreuzzug predigen. Die kaiserliche Krone ward als ein erledigtes Gut Jedem angeboten, der Lust darnach trüge, sie zu erobern. Auch auf Enzio fiel der Bannstrahl. Da drang er vor in die Mark Ankona und Ferrara mußte sich ergeben.
Gregor, der neunzigjährige Greis, hatte sich über die Niederlage der Seinen zu Tode gegrämt, Friedrich konnte eine Zeitlang Athem schöpfen. Da fachte Innocenz IV. den Krieg wieder an, er befiehlt den Deutschen ein anderes Oberhaupt zu wählen, der Kampf in der Romagna beginnt aufs Neue. Der Muth der Kämpfer war derselbe, nicht das Glück. Der drei und zwanzigjährige Enzio gerieth in die Gefangenschaft der Bürger von Bologna.
Zwanzig Jahre saß er in Bologna und sah zuerst seinen Vater, den großen Friedrich II., dann seinen Halbbruder Konrad ins Grab fahren. Sardinien war in den Besitz der Republik Pisa gefallen, die es abermals in vier Dynastien theilte, sein Weib Adelasia hatte sich scheiden lassen und einen Anderen geheirathet. Da, im Kerker dichtete Enzio die schönen Lieder, die noch immer erhalten sind. Auch die Liebe kam, ihn zu trösten. Die schöne Lucia Viadogli, die Tochter einer angesehenen aber armen Bologneser Familie ließ sich mit ihm in seinem Kerker trauen.
Die Nachricht vom Tode Konradin’s, der mittlerweile unter dem Beil des Henkers gefallen, spornte Enzio an, das Aeußerste zu wagen, war er nun doch der allerletzte vom Hause Hohenstaufen. Er will die Reste der ghibellinischen Parthei sammeln. Zwei Freunde sind ihm zur Flucht behülflich und schaffen ihn in einem leeren Weinfas aus der Burg heraus. Schon ist er an den meisten Wachen vorübergekommen, da verräth ihn eine Locke seines Haars, die durch das Spundloch herausgefallen. Die Mitverschwornen enden auf dem Schaffot, Enzio wird in ein noch engeres Verließ zurückgebracht und stirbt bald darauf.
Die Sarden behaupten, Enzio habe in der kurzen Zeit, als er König über Sardinien war, tyrannisch regiert; vermuthlich herrschte er so, wie es diesem Volke angemessen. Den Deutschen aber freut es, daß keine Scholle Erde in der ganzen weiten, meerumspülten Welt ist, wo sich nicht deutsche Kraft und deutscher Muth einst geltend gemacht und erprobt haben. Auf der Schwesterinsel Corsika hat ja auch einmal ein Deutscher den Thron
bestiegen. Theodor von Neuhof mag ein Abenteurer und ein Schwindelgeist gewesen sein; aber gering war die Kraft keinesfalls, die ein Volk, wie die Corsen bändigte.
So in Gedanken und Träumen ging ich längs des Quais von Cagliari mitten unter einem wildfremden Volke spazieren. Der Mensch ist ein seltsames Phantasiewesen. Selbst der bloße Gedanke, daß Menschen seines Stammes irgendwo, wo er eben wandelt, gelebt und geherrscht haben, vermag ihn zu beleben. Von Allen, die durch ihre Thaten im Gedächtniß der Geschichte geblieben, reicht eine magische Kette herüber und greift man nach ihr, ist man nicht mehr einsam.
Der Abend war da, der Elephantenthurm blickte im Abendglanz fast purpurn herunter.
Was ich um mich herum sah, war alles furchtbar unheimlich. Häuser liegen am Ufer, jedes wie eine Höhle für Dämonen, jedes Einsturz drohend; es sind keine Häuser, es sind Gassen bewohnter Ruinen. Hier und da steht eine Gruppe Matrosen und Fischer, ihre Gesichter sind gelb, ihre Augen, schwarzumrändert, blicken dämonisch den Fremden an. Jeder Einzelne ist ein Typus von Haß, Zorn, Rachsucht. Hier treibt ein Kerl mit einer rothen Mütze auf dem Kopfe ein Maulthier, das viel bestiegen. Theodor von Neuhof mag ein Abenteurer und ein Schwindelgeist gewesen sein; aber gering war die Kraft keinesfalls, die ein Volk, wie die Corsen bändigte.
So in Gedanken und Träumen ging ich längs des Quais von Cagliari mitten unter einem wildfremden Volke spazieren. Der Mensch ist ein seltsames Phantasiewesen. Selbst der bloße Gedanke, daß Menschen seines Stammes irgendwo, wo er eben wandelt, gelebt und geherrscht haben, vermag ihn zu beleben. Von Allen, die durch ihre Thaten im Gedächtniß der Geschichte geblieben, reicht eine magische Kette herüber und greift man nach ihr, ist man nicht mehr einsam.
Der Abend war da, der Elephantenthurm blickte im Abendglanz fast purpurn herunter.
Was ich um mich herum sah, war alles furchtbar unheimlich. Häuser liegen am Ufer, jedes wie eine Höhle für Dämonen, jedes Einsturz drohend; es sind keine Häuser, es sind Gassen bewohnter Ruinen. Hier und da steht eine Gruppe Matrosen und Fischer, ihre Gesichter sind gelb, ihre Augen, schwarzumrändert, blicken dämonisch den Fremden an. Jeder Einzelne ist ein Typus von Haß, Zorn, Rachsucht. Hier treibt ein Kerl mit einer rothen Mütze auf dem Kopfe ein Maulthier, das viel
zu schwer belastet ist, den jähen Abhang der Straße hinauf. Das Thier bricht von Zeit zu Zeit zusammen; er, selbst wuthschäumend wie ein Thier, haut es mit einem Knittel in die Beine, daß man meint, der Mann müsse ihm die Knochen zerhaun. Weiber sieden und braten in offenen Boutiquen und rühren in schwarzen Kesseln wie Hexen herum, eine schmutzige, halbnackte Kinderbrut treibt sich in den Gossen umher. Doch was ist dort bei den Verkaufsläden? Welch Gewühl, welcher Lärm? Ein paar Matrosen haben irgend ein Hazardspiel gespielt und sind darüber in Streit gerathen. Der Eine ist alt, ganz ergraut, aber von kräftigstem Bau, der andere jung, klein, untersetzt. Sie fassen einer den andern an die Gurgel — sie ringen — die Messer blitzen — der Alte liegt im Blut!
Fort! fort!
Von der Höhe, die Straße hinab, kömmt eine Prozession, vier Mädchen tragen eine hölzerne Madonna. Andere folgen mit Fahnen.
Der Mörder entflieht, die Rufe, die ihm nachdröhnen, vermischen sich mit dem Gesange des Prozessionsliedes.
III.
Reise im Eilwagen. — Die Bäder von Sardara. — Uras. — Hirtenkönigsgräber.
Von Cagliari aus führt die große und in bestem Stande erhaltene Centralstraße nach Sassari. Diese Chaussee durchschneidet die Insel in ihrer ganzen Länge in einer Ausdehnung von 230 Kilometer oder 127 italienischen Meilen, und ist gleichsam ein Durchhau durch den Wald der Unkultur und Barbarei, der hier noch so urzuständlich, wie wohl kaum noch in einem andern europäischen Lande, gedeiht. Die Chaussee entsendet gleich unten einen Arm östlich nach Iglesias, weiter oben einen Arm östlich nach Bona [Bosa], auch der seitwärts liegende Hafenplatz Alghero ist mit der Hauptstraße verbunden; die größte Partie des Landes, z. B. die ganze, wilde Provinz Gallura hat kaum Vincinalwege und ist heutzutage noch das, was sie vor Jahrhunderten gewesen, eine Wildniß, in welcher nomadisirende Hirten obdachlos umherschweifen.
Ich hatte Anfangs eine große Abneigung gegen den Eilwagen, der mir wenig Zeit lassen würde, das Land etwas näher kennen zu lernen, aber ich sah bald ein, daß es eine Thorheit wäre, die ganze Reise, wie ich sie ursprünglich im Sinne gehabt, theils zu Fuß, theils zu Pferde zu machen. Die Entfernung von Cagliari bis Oristano beträgt allein sechszehn deutsche Meilen, und führt durch die in pittoresker Beziehung uninteressante Ebene Campidano. Uebrigens war der Sommer, der eine Zeit der Fieber ist, weit vorgerückt. Ich nahm also vorerst den Platz im Wagen nur bis Oristano. Von dort aus würde ich ja sehn, wie ich weiter käme.
Die Gesellschaft in der Diligenza reale bestand aus zwei Landwirthe aus der Provinz Galurra [Gallura], einer wassersüchtigen Frau, die in das Bad von Sardara reiste, einem Mönch aus dem Kloster der unbeschuhten Brüder des Sankt Franciscus zu Sassari, einem Bürger von Oristano und mir. Der Condukteur, ein bärtiger, wild entschlossen aussehender Mensch, hatte seinen Platz in der Höhe, in einer Art von Coupé, von dem er auf den Kutschbock herabsah. Ich sah ihn, in einem Arm ein paar Pistolen und einen mächtigen Säbel, in dem anderen einen kleinen schwarzen Pintscher tragend, zu seinem Horste emporklettern, dann ertönte ein Signal mit dem Posthorn und mit wildem Zuruf und lautem Peitschengeknall trieb der Postillon sein Viergespann über das schlechte Pflaster der Vorstadt Stampace dahin.
Nicht zwei volle Stunden von Cagliari liegt Monastir, ein Dorf mit einem Kloster der Kapuziner, malerisch auf einem dunkelbraunrothen pyramidalen Felskegel gelegen. Zwei Flüsse: die Flaminedda [Flumineddu] und Calavita [sic!] wurden passirt, zwei langsam zwischen Felsblöcke und Röhricht hinsickernde Wässer in ungeheuren flachen Betten. Vor uns breitete sich nun der Campidano als eine unabsehbar weite, fruchtbare und bebaute Ebene aus. Der Baum, dem man hier am häufigsten begegnet, ist die Olive mit dem verkrüppelten Stamm und den grauen Blättern. Vielleicht mehr als irgendwo sonst im Süden genießt dieser Baum hier Verehrung. Ein königliches Decret, das noch vor fünfzig Jahren bestand, verlieh jedem Sarden den Adelsbrief, der eine gewisse Anzahl von Oelbäumen gepflanzt hatte, und im Gegensatz dazu wurden, wenigstens im Judicat von Arborea, einem Gesetz zufolge, das aus dem siebzehnten Jahrhunderte stammte, Jene excommunicirt, welche die Oelbäume ihrer Feinde anzündeten. Nebst der Olive sieht man auch Palmen.
Fast jedes Dorf hat seine Gruppe oder sogar seinen kleinen Hain von Palmen, der ihm einen phantastischen Schmuck verleiht. Um die einzelnen Maisoder Weizenfelder, um die Vignen und Gehöfe ziehen sich Hecken von Fackeldisteln, eine undurchdringbare Schutzwehr.
Die Landleute und Hirten, denen wir begegneten, waren sämmtlich beritten und alle mit einer langen Flinte und einem Messer bewaffnet. Sie trugen einen Mantel von gegerbtem Leder, einen breiten, schattenden Strohhut, ein rothes Wams. Ihre Gesichtsfarbe war dunkelbraun: immer wieder wurde man erinnert, daß die ersten Bewohner Sardiniens Afrikaner und Phönizier, die spätern Mauren gewesen.
Die beiden Galuresen schliefen in den Wagenecken, aber der Franziscaner hatte sich mit der wassersüchtigen Frau in ein Gespräch eingelassen und versuchte sie durch Lobpreisung der heilthätigen Quellen von Sardara zu trösten. „Von diesen Wässern“, sagte er, „ist es seit unvordenklicher Zeit anerkannt, daß sie nicht nur medicinisch erklärbare, sondern auch mystische Eigenschaften besitzen. Ein Dieb, ein Räuber, ein des Meineids Schuldiger, der sich mit dem Wasser die Augen beneßt, würde auf der Stelle blind werden. Andererseits finden fromme und gottesfürchtige Menschen dort beinahe zuverlässig Linderung ihrer Leiden.“ Allmälig näherten wir uns dem so gepriesenen Bade; es war ein kleines verwahrlostes Städtchen, in welchem weder etwas von einer Trinkhalle noch von einer Badeanstalt zu sehen war. Ein paar Gestalten auf Krücken waren das Einzige, was auf einen Kurort deutete. Und doch sind die Quellen von Sardara die einst so berühmten ýäáôá Ëçóéôáíá, von denen Ptolomäus erzählt. Rückgang und Verfall allenthalben!
Der nächste größere Ort ist Uras. Hier wurde ein längerer Halt gemacht und das Diner verzehrt. Uras ist ein Dorf, durch eine Schlacht berühmt, die Leonard von Arragonien gegen den Vicekönig Carroz gewann. Nikolaus Carroz war einer jener vier Richter von Sardinien, die, nachdem die Pisaner vertrieben worden waren, von Arragonien eingesetzt wurden. Er war zuerst Herr von Arborea, wie man die südliche Provinz der Insel nannte, strebte aber nach der Alleinherrschaft und erklärte sich zuletzt unabhängig. Von seiner Veste San Michele, welche die Fläche von Uras dominirt, beherrschte er das Land auf die despotischeste Weise. Eine seiner letzten Thaten war, daß er die Gräfin von Sanluri, seine Feindin, anklagte, seinen Sohn durch Zauberkünste um’s Leben gebracht zu haben. Die Gräfin, eine höchst energische Frau, hatte allen früheren Anklagen, daß sie an Verschwörungen gegen Carroz theilgenommen, entgegenzutreten gewußt; nun fiel sie als Opfer eines imaginären Verbrechens; sie wurde verbrannt.
Die Sonne war im Sinken, als wir auf die Ebene hinter Uras hinauskamen. Ihre rothen Scheidestrahlen beleuchteten noch eine mächtige Noraghe, die sich seitwärts von der Chaussee erhebt. Noraghen nennt man die Gräber kleiner Hirtenkönige aus der Zeit der pelasgischen Colonieen. Es sollen ihrer über sechshundert auf Sardinien sein. Die unversehrten sind an fünfzig Fuß hoch, haben oft an der Grundfläche einen Durchmesser von neunzig Fuß und endigen am Gipfel mit einem eingedrückten Kegel. Sie scheinen wie die Gräber in der römischen Campagna ganzen Familien gedient zu haben. Aus Erdreich aufgethürmt, sind sie, theilweise wenigstens, mit Steinblöcken überkleidet, aus deren Ritzen Strauchwerk emporwächst. Die meisten sehn wie Ueberreste mächtiger Festungsthürme aus und sind, da sie in der Regel ein achteckiger Wall umgiebt, auch für Festungswerke gehalten worden. Nichts wird gethan, um diese in ihrer Art einzigen Denkmäler einer uralten Zeit zu schonen. Die Hirten tragen zum Bau ihrer Häuser so viel Steine davon, als sie nur können und andere Noraghen sind, weil man in ihnen Schätze vermuthet, die sich jedoch nie finden sollen, von Grund aus zerstört worden.
Allmählig kam die Nacht heran, jeder machte sich’s in seiner Wagenecke bequem, der Franziskanermönch zog seinen Rosenkranz hervor und betete lange, ohne sich durch das überlaute Schnarchen des einen Galuresen, der auf seiner Schulter lag, stören zu lassen.
Auch ich schlief ein. Von Zeit zu Zeit weckte mich das Stillhalten des Wagens, das Wechseln der Pferde, oder das Fahren über ein fürchterliches Stadtpflaster. Wir waren durch Toralba [Torralba] gekommen. Zu meiner Linken glaubte ich das Meer zu sehen, doch es kann auch ein See gewesen sein. Die Nacht blieb schwül, die Luft der einer überheizten Badestube ähnlich.
IV.
Oristano. — Einsamkeit am Golf. — Die Padrona und Fulgenzio der Cavalcante. — Milis im Orangenwalde. — Der Gendarm.
Der Tag graute, als ich in Oristano ankam. Mein Koffer wurde abgeladen, der Condukteur verschwand, kein Gepäckträger zeigte sich, ein Postillon führte frische Pferde vor und spannte ein. Bald sah ich den Wagen wieder weiter rollen, Niemand fragte nach mir. Ich schleppte endlich den Koffer in einen offenen Raum, wo zwei Fuhrleute in einem kastenähnlichen Bette schliefen und ging die Gasse hinab, um eine Locanda aufzusuchen. „Seid Ihr’s Fulgenzio?“ fragte eine weibliche Stimme aus einem Fenster heraus, nachdem ich lange an der Thür geklopft hatte. „Sei ’s Fulgenzio oder Ambrosio“ erwiderte ich. „Hier ist ein Reisender, der ein Nachtlager wünscht!“ Der Weiberkopf verschwand aus dem Fenster, endlich ging die Thür auf, die aufs Nothdürftigste bekleidete Gestalt eines dicken Weibes mit pechschwarzem unordentlichem Haar wies mich in ein kleines Zimmerchen, das sie neben der Wirthsstube aufsperrte. Angekleidet warf ich mich aufs Bett, um weiter zu schlafen. Das Geläute vieler Glocken, die den Sonntag einläuteten, weckte mich bald wieder, ich stand auf und mischte mich unter die Gruppen, die vor dem Dom standen. Oristano ist der Sitz eines Erzbischofs, der Sitz eines Seminars und mindestens mit acht Mönchsklöstern gesegnet; man sah daher heute schwarze Gestalten mit Schaufelhüten und Ordensbrüder von allen Farben in Fülle. Züchtig in ihre Schleier gehüllt, meist in schwarzen, seidenen Kleidern, das Gebetbüchlein und den Rosenkranz in der Hand, zogen feueräugige Frauen vorüber. Kleine Gruppen von piemontesischen Bersaglieris standen coquettirend auf dem Platze. Der Dom ist ein ziemlich merkwürdiges Gebäude im gothisch byzantinischen Style mit einem hohen, achteckigen Glockenthurm; er füllte sich allmählich. Ich warf einen Blick hinein und hatte das Vergnügen, in einer Seitenkapelle die Statue des heiligen Johannes von Nepomuk zu erblicken. Die Menschheit weiß doch, wer ihre verdienten Männer, ihre Wohlthäter sind. Die Namen Keppler oder Gutenberg sind nicht so weit herumgekommen.
Oristano, das ich nun zu durchwandern begann, war einst eine mächtige Seestadt. Hier wohnte Einer der vier sogenannten Richter von Sardinien, die, von Genua wenig oder gar nicht beschränkt, einen königlichen Prunk zur Schau trugen. Karl V. und Karl VI. führten in ihrem großen Titel den Namen Markgrafen von Oristagni, was mit der jetzigen Oristano gleichbedeutend. Jetzt ist alles, was an Pracht erinnern könnte, verschwunden. Die einst mächtige, volkreiche Stadt hat kaum sechstausend Einwohner mehr. Der Pallast der alten Markgrafen von Arborea ist in eine Caserne umgewandelt und in den Fenstern, aus welchen einst die schöne Prinzessin Eleonora blickte, hängt nun der Bersagliere seine zerrissenen Hemden auf.
Diese schöne Prinzessin Eleonora besiegte die Arragonier im Felde, erweiterte ihr Gebiet und wurde die Gesetzgeberin ihres Landes. Sie war eine Zeitgenossin jenes glänzenden Viergestirns von Herrscherinnen im vierzehnten Jahrhundert, eine Zeitgenossin Johannas von Neapel, Margarethas von Dänemark, der Margaretha von Anjou und Philippine von England. Das Gesetzbuch, welches ihr den Ursprung verdankt, existirt noch und soll besonders im Punkte der Ehegesetze merkwürdige Capitel enthalten. So wurde z. B. derjenige schwer bestraft, der einen Mann als Hahnreih bezeichnete und die Strafe wurde verschärft, wenn er bewies, daß der Mann es auch wirklich sei.
Nicht anders wie Cagliari, ist auch Oristano beinahe unmittelbar auf den Grundmauern einer römischen Stadt gebaut. Auf dem Vorgebirg St. Marc, das wie ein gewundenes Horn in den blauen Golf hineinragt, lag Tharros, unter den Römern eine blühende Handelsstadt. Noch heute sind Ruinen und Gräber im Sand der Dünen zu sehen. Ich ging dorthin. Es war lieblich im Schatten der Pinien zu sitzen. Ich hatte mir auf die Reise die Idyllen des Theokrit mitgenommen, zog das Büchlein hervor und las nun darin unter dem Zauber einer ganz ähnlichen Natur, wie sie Theokrit schildert. Das Meer schlief in der Mittagssonne, kein Insekt summte, keine Ziege graste zwischen den Felsen, die Fläche vor mir, im Halbkreis von der sanft ansteigenden Bucht begrenzt, lag still, unbeweglich da. Hier und dort in der Ferne stand ein weißes Segel eines Thunfischers — das Uebrige war Ultramarin. Es war die Stunde, da Pan seinen Mittagsschlaf hält und die Hirten sich scheuen, ihre Flöten zu blasen, um ihn nicht zu wecken. . . . . Ich blieb lange im Golf.
Nicht allzufern von Oristano, aber seitwärts von der Hauptstraße liegt Milis, berühmt durch seine in ihrer Art einzigen Orangenwälder. Ich hatte, seitdem ich auf der Insel war, mehrmals von ihnen gehört und fragte Abends, als ich in die Stadt zurückgekehrt war, meine Padrona, wie ich am leichtesten dahin gelangen könne. „Ihr könntet ein Wägelchen nehmen“, war die Antwort, „doch der Weg ist nicht eben von den besten. Am Gerathensten wäre es, Ihr ließet Euern Koffer hier und machtet die Partie zu Pferde. Ich kann Euch, Herr, einen trefflichen Burschen empfehlen, den Cavalcante Fulgenzio. Der kennt alle Wege und Ihr könntet mit ihm ungefährdet durch die ganze Insel reiten, so beliebt ist der Bursche allenthalben wegen seines freundlichen Gesichts und seiner angenehmen Sitten. Als Ihr heute um vier an der Thür pochtet, meinte ich, er sei es. Er ist aber erst Abends gekommen. He da, Fulgenzio, ein Herr ist da und frägt nach Dir. Er will nach Milis!“
Ein Bursche von ungefähr zwanzig Jahren, mit einem braunen Gesicht, einem Maul, das schier von einem Ohr zum andern ging und einem glänzenden Gebiß, welches verdient hätte, einem Menschenfresser anzugehören, kam hinter einem Tisch hervor und präsentirte sich als Cavalcante. Er pries die sanfte Bewegung seiner Pferde und wir wurden handelseins. Noch am selben Abend gab ich mein Gepäck postrestante nach Sassari auf, um, wie ich mich auch später entscheiden möge, von der Sorge um das Eigenthum frei zu sein. Nur das Allernöthigste behielt ich, in einer kleinen Reisetasche verwahrt, bei mir.
Am andern Morgen hielt Fulgenzio mit seinen beiden Pferden im Hofe. Die Wirthin, die offenbar zu dem jungen Burschen in einem zarten Verhältnisse stand, tätschelte die Pferde, brachte dem Liebling noch eine weingefüllte Kürbisflasche entgegen und Beide hatten eine geflüsterte Unterhaltung. Fulgenzio sah stattlich aus: halb wie ein bewaffneter Mönch, halb wie ein Räuber. Er trug eine Art Kutte von grobem, braunem Tuch mit einer Kapuze, die er über den Kopf gezogen. Ueber der Schulter hing ihm eine lange Flinte herab, ein langes Messer in einer Lederscheide balancirte vorn. Bald saßen wir in den Steigbügeln, die Padrona winkte noch einmal glückliche Reise, und wir trabten lustig in den frischen Morgen hinein.
Trotz seines Menschenfressermauls schien Fulgenzio ein harmloser und sogar gutmüthiger Junge. Er war gesprächig und hätte gar zu gerne erzählt. Leider verstand ich von zehn Worten, die er sagte, immer kaum eins. Der Sardinische Dialekt ist ein barbarisches Gemisch von Italienischem und Spanischem, das noch dazu, hier im Logodoru, im südlichen Theil der Insel, stark mit arabischen Wörtern versetzt ist. Unser Gespräch mußte sich auf die einfachsten Redeformen beschränken und die Zeichensprache vielfach in Anwendung kommen.
Wir ritten durch ein wohlbebautes Land, das zwischen zwei sanften Hügelreihen hingegossen dalag. Mächtige Eichen und Kastanien bedecken die Höhen, Lorbeer und Cactus bilden Hecken. Zahlreiche Vignen erschienen rechts und links, von Zeit zu Zeit kamen einsam stehende Höfe zum Vorschein.
Endlich, — die Mittagszeit kam heran und die Hitze ward immer lästiger — endlich sahen wir Milis vor uns liegen, und es ist gewiß keine Illusion, wenn ich schon aus der Entfernung einen balsamischen Anhauch wahrzunehmen glaubte. Ein nettes Dorf, mit weißschimmernden Häusern, lag es inmitten seiner Orangenhaine da, mit einer kleinen, malerischen Kirche und blinkenden Villen ringsum.
„Seht hier,“ rief Fulgenzio, „das Paradies unserer Insel! Hier athmet man Wohlgerüche das ganze Jahr, als wäre man im Himmel!“
Er schnaubte mit seinen breiten Nüstern und fächelte ihnen die Luft mit der Hohlhand zu.
Das Wirthszimmer der Locanda, in der wir abstiegen, war ganz dunkel. Das Auge, durch das Licht draußen geblendet, mußte sich erst langsam gewöhnen, bis es einen Gegenstand erkannte. Zwei Gendarmen saßen an einem Tische, offenbar von einem langen Ritt ermüdet. Der eine, ein Nizzarde, sprach französisch und schien erfreut, Jemanden zu finden, mit dem er in seiner Muttersprache plaudern konnte.
„Sehen Sie,“ sagte er, indem er ein Blatt der Unione aufschlug, welches vor ihm auf dem Tische lag, „da lese ich eben vom Unglück der lombardischen Jünglinge, die in die österreichische Armee gesteckt, nach allen Ecken der Welt, an den Rhein und nach Böhmen, Ungarn, Polen geschickt werden. Ich halte das für Deklamationen. So klein unser Land ist, wir kommen auch weit genug herum! Mein Kamerade dort war noch vor einem Jahre in der Krim, und mir ward es auch nicht an der Wiege gesungen, daß ich hier unter menschlichen Teufeln nun schon jahrelang mich herumzuschlagen habe. Es ist der Jugend gut, wenn sie in der Welt herumkommt, aber unter Halbbarbaren zu leben, in einem Land, wie dieses ist, aufräumen zu müssen, glauben Sie mir, das ist nichts Leichtes! Ob ich doch je wieder meine Heimath und meine alten Eltern wiedersehe!“
So schwatzte er noch lange, ich verabschiedete mich von dem freundlichen Menschen und ging, nachdem ich einen Führer angenommen, zum Dorf hinaus.
Es gibt der Orangengärten um Milis herum über dreihundert; die größten gehören dem Domkapitel von Oristano und dem Marquis von Boyl an. Ich ließ mich zuerst in den einen, dann in den andern führen. Beide sind kleine Wälder, einzig aus Pomeranzenbäumen gebildet. In der freien Natur hat der Baum seine steife Kugelform verloren, er streckt und reckt seine Aeste nach allen Seiten, und in seiner Krone leuchten die goldnen Aepfel, die silbernen Blüthen. Man wandelt unter einem ununterbrochenen, schattenden, schimmernden Laubdach. Eine dicke Schicht herabgefallener Orangenblüthen deckt den Boden, kleine Bächlein sind an den mächtigen schwarzen Wurzeln vorübergeleitet, ihr Gemurmel vereinigt sich mit dem Gesange der Vögel, die in den Zweigen wohnen. Man kann in diesem Haine der Hesperiden frei umhergehn, die Zweige bei Seite biegen, die dem Wanderer ihre Blüthen ins Gesicht schlagen und von einem Duft ohne Gleichen berauscht, sich in den Schatten von Orangen strecken, die so mächtig wie Waldbäume sind.
Der gesammte, den verschiedenen Besitzern gehörige Orangenwald von Milis soll fünfmalhunderttausend Bäume zählen. Er gibt in einem Durchschnittsjahre zwölf Millionen Stück solch goldener Aepfel ab. Im Garten des erzbischöflichen Kapitels ist ein Baum, der allein jährlich über fünf tausend Früchte tragen soll. Mehrere Bäume dort sind, wie mir der Gärtner, ein Geistlicher, sagte, nachweisbar über sieben Jahrhunderte alt. Der Urvater von allen steht im Garten des Marchese von Boyl. Er ist so stark, daß ein Mann ihn mit ausgebreiteten Armen nicht umspannen kann; seine Krone ist majestätisch, wie die einer Eiche.
Der Gang durch den Orangenwald von Milis schien mir allein schon die Reise nach Sardinien zu lohnen. In einem Pavillon im höchstgelegenen Garten sitzend, sah ich die herrlichste der Campagnen sich meilenweit ausdehnen, das Abendroth lieh dem freundlichen Bilde eine zauberische Beleuchtung. Es dunkelte bereits, als ich, einen blühenden
Orangenzweig, den ich mir zum Andenken mitgenommen, in der Hand, in das Wirthshaus heimkehrte. Der Gendarm sattelte eben sein Pferd, um in die Berge hinauszureiten, und auf mein Zimmer angelangt, hörte ich noch den Huf seines Pferdes und das Klirren seines Säbels, als er die Chaussee entlangtritt. Am Himmel zog sich ein Gewitter zusammen und ferne Donner durchbrachen von Zeit zu Zeit die nächtliche Stille.
V.
Hirten und Landsleute — Wilde Sitten. — Bergan. — Der Gendarm. — In der Einöde. — Ein nächtlicher Raubzug.
Der Morgen war angenehm mild, das Gewitter hatte die Luft abgekühlt. Ich faßte rasch den Entschluß, statt nach Oristano zurückzukehren, vorwärts zu dringen, um etwas mehr von dem eigentlichen Land zu sehen.
Fulgenzio war rasch bereit, mich zu begleiten. Er mußte in dem ziegenledernen Schlauch, den er auf dem Rücken trug, ein paar Brodlaibe stecken und ein paar Kürbisflaschen mit Wein füllen. Er befestigte diese an eine Schnur und an den Sattelknopf. Dann saßen wir auf und es ging weiter.
Rings um Milis ist der Boden vulkanischer Natur und bleibt es noch lange. Mächtige, schwarze, gleichsam verglaste Felsblöcke, welche von Weitem Mauertrümmern ähneln, liegen allenthalben in der Campagna umher. An diesen Felsblöcken wächst der Feigenbaum wild empor, die Cactus Opuntia und allerhand Dorngestrüpp. Dann kommen wieder Gruppen von Korkeichen und hochgewachsenen Oelbäumen. Hie und da, im wilden Lande liegt ein Bauernhaus von üppigen aber verwahrlosten Weingärten umgeben; Mais und Reben wachsen dort im Wirrwarr durcheinander.
Fast alle Leute, die uns entgegen kamen, saßen auf kleinen, schwarzbraunen, unbändig wilden Pferden. Auch Weiber kamen zu Pferd daher, querüber sitzend, den Sonnenschirm über sich ausgespannt. Die scheinbar wohlhabenderen trugen ein weißes Kamisol, das in der Gürtelgegend in viele Falten gelegt ist, ein buntes Mieder, das, vorn breit aufgeschnitten, das grobe Hemd sehen läßt und ein Viereck von blauem oder weißem Zeug auf dem schwarzen, buschigen Haar. Alle waren fast bronzefarbig, mit Feueraugen, keine schön.
Die Tracht der Männer ist noch charakteristischer als die der Frauen. Sie tragen eine Art Mantel ohne Aermel aus gegerbten Schaaffellen zusammengenäht, der bis auf die Hälfte der Schenkel herabfällt und in der Mitte des Leibes durch einen Gürtel zusammengehalten wird, in welchem ein großes Messer in einer Lederscheide steckt. Dieser Schaafsfellmantel heißt Coletto.
Jeder hat seine Flinte auf dem Rücken, die gelbe Kürbisflasche umgehängt, um den Leib die Carchena, den Ledergurt, in welchen er seine Patronen stecken hat. Sogar der Mann, der über Feld geht, oder auch nur sein Heu im Schubkarren heimfährt, ist mit Gewehr und Dolch bewaffnet, in Gruppen von vier oder fünf sehen sie wie zersprengte Kriegshaufen aus.
Welche Gefahren bei dem wilden und unbändigen Naturell der Sarden aus diesem allgemeinen Waffentragen hervorgehen, liegt auf der Hand. Aus den kleinsten Anlässen entbrennen Feindseligkeiten, eine Beleidigung wird Grund eines Todtschlags und ist ein Opfer durch Flinte oder Dolch gefallen, so ist die Blutrache für die Verwandten eine heilige Pflicht. Der Mensch, der von der Vendetta bedroht ist, muß fortan zu jeder Stunde den Feind fürchten, und Tag und Nacht eines Ueberfalls gewärtig sein. Er verschanzt sich in seinem Haus oder Hof, mauert die Fenster bis auf eine kleine Oeffnung zu und wagt sich fürder kaum aus seinen vier Wänden. Die Kugel kommt nicht aus dem Lauf seiner Flinte, die Flinte nicht aus dem Bereich seines Arms. Es giebt Leute, die fünf, sechs, zehn Jahre so in einer Art Gefangenschaft gelebt haben; endlich einmal stiegen sie in einen Wagen und fuhren in ein nahegelegenes Dorf — aus einem Versteck heraus traf sie das Blei, das ihnen jahrelang zugedacht war; denn die sardische Rache schläft nicht. Der Bluträcher muß nun in die Wälder, in die Berge fliehen. Die Sbirren werden ihm nachgesandt. Von der Justiz und wieder von den Verwandten des Gemordeten bedroht, ist er keinen Augenblick sicher. Man stellt einen Preis auf seinen Kopf. Er führt ein elendes Leben und ist durch die Gewalt der Umstände bewogen, ein Räuber zu werden.
Die Regierung macht seit Jahren den Versuch, die Vendetta abzuschaffen, es kann ihr nicht gelingen, so lange sie nicht die Entwaffnung des Volks ins Werk setzen und die Ueberzeugung ausrotten kann, daß die persönliche Rachenahme eine Pflicht der Mannesehre und sogar eine Forderung der Religion sei. So gebiert Mord den Mord und das Volk der Sarden wie der Corsen zerfleischt sich selbst in einem immerwährenden, ewig neu entbrennenden Kampf. Die Blutrache ist die Geißel beider Inseln, sie entvölkert sie und läßt sie zu keiner höheren Civilisationsstufe gelangen, doch wäre es beschränkt, sie nur der Blutgier und dem wilden Sinne der Bevölkerung zuzuschreiben und jedes ideale Moment in ihr zu leugnen. Einerseits ungebändigtes Rechtsgefühl und andererseits jene Liebe der Blutsverwandten untereinander, die Naturvölkern in einer Gesellschaft eigen, die noch keine höhere Ordnung gewonnen hat, ist der eigentliche Grund der Vedetta. Der civilisirte Mensch verleumdet seinen Feind und sucht ihm zu schaden, der Bluträcher steht auf dem Duellstandpunkt, wagt sein eigenes Leben und zahlt mit seinem Blute.
In einem elenden Dorfe, wenn ich nicht irre, hieß es Bonarcod [Bonarcado], ein paar Stunden hinter Milis wollten wir Halt machen. Es ging Berg an, durch einen steinigen Hohlweg, die Hitze wurde wieder unausstehlich. Ich kaufte einen Korb mit Feigen und Trauben, das einzige, was zu bekommen war und verzehrte sie, da kein Wirthshaus im Orte, unter dem schattenden Peristyl einer kleinen Kirche. Etwas Brod und ein Trunk aus dem nebenanfließenden Brünnlein vervollständigten das Mahl, das übrigens in Gesellschaft eingenommen wurde, denn ein Rudel halbnackter Kinder und wildaussehender, zerlumpter Burschen hatte sich eingefunden den Fremdling zu betrachten.
Nachdem wir ein paar Stunden gerastet, trabten wir weiter, einem mächtigen Korkeichenwald zu. Aber es war, als ob das Glück, das mir bisher leidlich wohlzuwollen schien, in Bonarcod von mir Abschied genommen habe. Eine Stunde hinter dem Orte verlor mein Pferd ein Eisen und bald darauf ging es lahm. Fulgenzio, außer sich, sprang herab, besah sich den Fuß zu wiederholten Malen, begann zu jammern und klagend zu bereun, daß er durch mich verleitet worden sei, ins Gebirge zu reiten, wo der Weg so schlecht sei. Aber nach Milis zurückzukehren, ging nicht mehr an, wir mußten vorwärts, denn wir glaubten bereits zwei Drittheile der Tagreise zurückgelegt zu haben.
Bald darauf wurde ich abermals und noch weit mehr beunruhigt. Es kamen uns von der Höhe zwei Ziegenhirten mit einem Maulthiere entgegen, auf dem querüber ein zu Tode verwundeter Gensdarm saß. Er hatte den Kopf mit einem blutgetränkten Tuche verbunden, war todtenbleich, hatte die Augen geschlossen und hielt sich nur aufrecht, indem er sich auf die Schultern der beiden neben ihn hergehenden Burschen stützte. War das der Nizzarde, den ich gestern im Wirthshaus von Milis gesprochen? Die Entstellung seiner Züge hinderte mich, ihn genau zu erkennen, aber ich glaube fast er wars! Welch wunderliche Ahnung hatte dann diesen Menschen kurz vor seinem Ende erfaßt! Fulgenzio hielt und fragte die Ziegenhirten, wo der Gensdarm zu seiner Wunde gekommen und wo sein Pferd geblieben sei, aber die Beiden hatten Eile, der Weg war jäh, sie ließen sich in kein Gespräch ein. Jetzt begriff ich erst, welch ein schreckliches Loos die Diener der Justiz haben, die auf die Bluträcher Jagd machen müssen und auch der Gedanke, daß Räuber in der Nähe sein könnten, lag nicht allzufern. Eine unheimliche Stimmung überkam mich und schweigend, aber nicht allzu sichern Herzens, ritt ich, das lahme Pferd antreibend weiter.
Es war meine Absicht Abo Santo [Abbasanta] zu erreichen, einen Ort, wo, wie mir die Leute sagten, ein leidliches Nachtquartier zu finden, aber der Abend kam heran, die Sonne eilte rasch ihrem Untergange zu, Abo Santo zeigte sich nirgends. Fulgenzio, der den Weg doch gut zu kennen vorgab und sich ihn in Bonarcod [Bonarcado] nochmals hatte expliciren lassen, sah sich zu wiederholten Malen um und hielt immer wieder still. Es war ein stilles Eingeständniß, daß er den Weg verloren.
Der Wald war zu Ende.
Wir befanden uns in einer Hochebene, die keine Spur von Cultur mehr zeigte und auf der weit und breit kein Haus, kein Hütte zu sehen war. Der Pfad verlor sich allmählig in Gerölle und Steingeschiebe und hörte endlich ganz auf. Am westlichen Horizont, über dem allmählig versinkenden, glühroth brennenden Sonnenball, lag langes, streifig zerrissenes Gewölk von schwarzgrüner, unheimlicher Farbe. Der Abend sank immer mehr und über die Wüstenei kam allmählig eine todtenähnliche Stille, die nur der Lärm der Pferdehufe und manchmal das Schwirren eines Insekts unterbrach. Ein Schauer der Einsamkeit, wie ich ihn nie im Leben vorher gespürt, befiel mich plötzlich und immer heftiger.
Wir ritten, da die Sonne längs hinunter war, noch ein paar Stunden, kein Dorf war sichtbar, nicht einmal ein Haus, die Wüste schien endlos. Der Mond, der im ersten Viertel stand, kam aus den Wolken heraus, beleuchtete das Bergland und die öde Steppe, durch die wir ritten. Die Schatten unsrer Gestalten liefen auf dem dürren, steinigen Boden wie zwei Ungethüme neben uns her. Ich dachte: diese Berge hießen bei den Römern insani montes, μαινομενα όρη.
Hießen sie so, weil man in ihnen irrsinnig wird, oder weil es ein Irrsinn ist, sie zu bereisen? Vermuthlich das Letztere. Wie wenn dich dein störrisches Pferd an irgend eine Felsklippe schleuderte, dieser Cavalcante, den du nicht kennst, von hinten sein Fucile gegen dich abdrückte, oder Räuber dir irgendwo auflauerten, wie dem armen Burschen, den du vor ein paar Stunden vorüberführen gesehn? Dann dachte ich an die Fieber, um derentwillen Sardinien stets berüchtigt war und daß der Sommer immer als die dem Fremden gefährlichste Jahreszeit angesehen werde. Nicht ohne guten Grund, dachte ich, schickten die Römer ihre Verbannten hieher und dichteten dem Lande die seltsamsten und unheimlichsten Mährchen an. Hier sollten Weiber leben, welche zwei Augäpfel in jeder Augenhöhle haben, hier wuchs in den Felsen die herba sardonica, das Kraut, das den Mund derer, die es genossen, in solcher Art verzerrte, daß sie lachend zu sterben schienen. Sardinien war Roms Cayenne — wie schriebe sonst Martial:
Nullo fata loco possis excludere; quum mors
Venerit, in medio Tibure Sardinia est.
Diese unheimlichen Verszeilen gingen mir fortwährend im Kopfe herum, und da sich bei mir zugleich eine entsetzliche Müdigkeit einstellte und ein kalter, durch Mark und Bein schneidender Wind, den Schweiß, den der Ritt mir herausgetrieben, auf Stirn und Rücken plötzlich erkalten ließ, glaubte ich wirklich schon krank zu sein. Umsomehr trieb ich vorwärts, um aus dieser Oede herauszukommen. Plötzlich hielt Fulgenzio still. „Es ist nicht zu leugnen, wir sind vom Wege abgekommen, Herr,“ sagte er. „In diesen Bergen soll sich der Teufel zurecht finden! Die Pferde kommen nicht mehr fort und kein Haus ist zu sehn. Es bleibt uns nichts übrig, als die Nacht im Freien zuzubringen.“
„Im Freien? unmöglich!“
„Wir sind im Despoblado, kein Haus ist auf Meilenweite.“
„Ich glaube es gern,“ erwiderte ich. „Aber hier, wo der Wind so furchtbar bläst, ist’s doch unmöglich zu campiren? Dort scheint eine Schlucht hinabzuführen, da giebt es Bäume und Felsen, die einigen Schutz bieten, da wollen wir hin und den Morgen abwarten.“
„Es wird nicht gehn — o wie bringe ich die Pferde meinem Herrn zurück?“
„Es wird gehn, der Abhang ist nicht zu steil.“
Ich sprang ab und führte mein Pferd. Fulgenzio folgte unwillig.
„Was rauscht da?“ fragte ich, als wir in der Mitte des Abhangs waren.
„Ein Wasser!“
„Wird es seicht genug sein, daß wir durchkommen?“
„Die Madonna weiß es! Ich hoffe. Wäre ich doch nicht in die Berge gegangen! Da gibt es an jedem Kreuzweg Geister, die Einen irreführen.“
„Es wäre wohl eher an mir, Euch Vorwürfe zu machen, der mich einen Weg führt, den er selbst nicht kennt.“
Wir gingen vorwärts. Dorngestrüpp und rollende Steine machten das Gehen äußerst beschwerlich. Endlich kamen wir an das Wasser, aus dem große Steinblöcke hervorragten. Vorsichtig von einem zum andern schreitend, gelangten wir hinüber; dort, am andern Ufer, schien uns in einer Gruppe von Oelbäumen ein etwas leidlicheres Nachtquartier zu winken. Es war, soviel ich auf meiner Uhr erkannte, elf Uhr geworden.
Plötzlich hörten wir von der Bergwand über uns Stimmen und herankommende Schritte.
„Was ist das?“ fragte ich den Cavalcante.
„Weiß nicht!“ sagte Fulgenzio und wollte sich seitwärts in das Dickicht der Oelbäume schlagen.
„Bleibt stehn!“ rief ich und suchte die Pferde zu beruhigen, die ihre Ohren spitzten.
Die Schritte der Männer kamen immer näher. Endlich wurden wir sie gewahr. Es war eine Schaar von acht bis zehn Leuten, deren Gewehre und Piken im Mondscheine blitzten; der erste trug ein Mutterschaaf auf der Schulter, die Uebrigen trugen ähnliche Beute.
„Was ist das?“ fragte ich, bei Seite tretend, Fulgenzio leise.
„Es sind Hirten, die ihre Feinde überfallen haben und mit der Beute davon eilen,“ flüsterte der Cavalcante. „Holla, gute Nacht und guten Raubzug, Leute!“
Der Hirte, der den übrigen voranging, blieb stehn und sagte: „Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?“
„Hier ist ein Herr, der durchs Land reist und nach Macomer will,“ sprach Fulgenzio. „Ich begleite ihn.“
„Seid Ihr keinem Sbirren begegnet?“ fragte eine Stimme aus der Schaar.
„Einem wohl, heute Nachmittag, aber der war in die Stirn getroffen und hatte genug.“
Die ganze Schaar zog vorüber. Fulgenzio fragte noch: „Ist keine Wohnung in der Nähe?“
„Geht das Flußbett hinab, nicht fünfhundert Schritte fern trefft Ihr das Haus des Gregotti, hart am Wasser.“
Die Hirten verschwanden in den Felsen und im Gestrüpp des Ufers. Wir blieben noch eine Weile stehn und horchten, wie die Steinblöcke unter ihren Tritten ins Wasser schlugen. Dann ward alles still und ich sagte zu Fulgenzio:
„Welch ein günstiger Zufall! Ein Nachtlager ist gefunden. Laßt uns das Haus am Wasser aufsuchen“.
Fulgenzio entgegnete nichts, aber er begann die Pferde langsam und vorsichtig hinabzuführen.
Der Zufall hatte sichs vorbehalten, mir eine Episode aus dem Leben der sardinischen Hirten vor die Augen zu führen. Diese, fast alle Nomaden, wandern mit ihren Heerden und ihren Familien von einem Weideplatze zum andern und liegen fortwährend unter einander in Krieg.
Eine kleine Stunde später standen wir vor einem Hause, wenn man es so nennen konnte, einer elenden Wohnung, aus rohen unbehauenen Steinen errichtet. Wir mußten lange pochen, bis sich ein Fenster aufthat. Fulgenzio machte den Parlamentär. Endlich hörten wir Fußtritte die Treppe herabkommen, der Riegel öffnete sich, ein finster aussehender Mann hieß uns eintreten.
Er konnte uns als Nachtquartier nichts anders anweisen, als ein enges, niederes, dunstiges Zimmer im Erdgeschosse. Ich griff nach einem Krug Wasser, trank, dann rollte ich meinen Rock zusammen, legte ihn als Kissen auf die Bank, streckte mich aus, breitete meinen Shawl über die Füße und in weniger als fünf Minuten lag ich in tiefem Schlaf.
VI.
Sassari und das Thal von Rosello. — Im Kloster des San Francisco. — Erzählungen des Mönchs. — Die Mutter der Zwillinge. — Gastfreundlichkeit in der Zelle.
Am folgenden Tage verabschiedete ich meinen Cavalcante und nahm den Gregotti, den Wirth des Hauses, in welchem ich übernachtet, als Führer nach Macomer mit. Es gab einen angestrengten Marsch durch ein wildes, ödes, furchtbares Gebirge, die Marguine genannt, aber die Hoffnung belebte mich, daß ich Abends wieder auf der Chaussee und an einem Ort sein würde, den der Eilwagen nach Sassari passirt. Endlich war die Höhe erstiegen und in der leidlich guten Osteria von Macomer konnte ich ein Stündchen ausruhn.
Als der Abend dunkelte, kam der Eilwagen vorbei. Der Condukteur gab mir einen Platz an seiner Seite, und bald ging es in die Nacht hinaus, thalabwärts, denn Macomer ist der höchste Höhepunkt, den die Straße zu erklimmen hat.
Wir fuhren ungefährdet durch ein Land, das noch vor Jahren durch seine Räuber berüchtigt war, und mit Tagesanbruch war ich in Sassari.
Sassari, von Alters her die Rivalin von Cagliari, ein Ort von etwa dreiundzwanzigtausend Einwohnern, besteht eigentlich nur aus einer einzigen Straße, die „Piazza“ genannt, welche die Stadt beinahe von einem Ende zum andern durchläuft. Zwei Reihen traurig häßlicher, schmutziger, theilweise verfallener Häuser säumen diesen Corso ein. Der größte, beinahe der einzige Pallast zu Sassari ist das Haus des Marchese von Vallombrosa, der wie aus der Strada Balbi Genua’s hierher versetzt, aussieht.
Ziemlich pittoresk erhebt sich das Castell mit seinem Campanile aus rothen Ziegelsteinen erbaut. Daneben sieht man den Thurm der Inquisition, eine Erinnerung an ein schönes kirchliches Institut, das mit der spanischen Herrschaft herüber kam.
Sassari war zuerst eine Republik unter dem Schutze Genua’s. Die Constitution dieser Republik, vom Jahre 1316 datirt, wird noch im Archiv gezeigt. Ein genuesischer Podesta sprach Recht, denn damals waren viele Städte Italiens der Ansicht, daß fremde Beamte gerechter als die einheimischen seien. Nach der Eroberung Sassari’s durch die Spanier fanden mehrere Aufstände statt. Endlich wurden die Eingeborenen erbarmungslos aus ihrer eigenen Stadt verbannt und durch eine Bevölkerung von Cataloniern und Aragonesen ersetzt. So tobt im Süden das heiße Blut der Menschen, daß alle Pracht und Schönheit der Natur ringsum gleichsam wie ein vergebliches Geschenk erscheint.
Und Sassari’s Lage ist wirklich schön. Zwölf Miglien vom Meere und ebensoviel Miglien von Porto Torres entfernt, lehnt es an den sanften Abgang eines Hügels und ist von Weinbergen umringt. Ringsherum sind Lusthäuser auf den Höhen, in welchen die reicheren Leute die heiße Zeit vom Mai bis zur Weinlese, die um Michaelis fällt, zubringen. Allenthalben gedeiht die Feige, der Granatbaum, der Lorbeer; die Cypresse steht ernst und feierlich da, eine Gattung niedriger Palmen, Palmizza genannt, zeigt hier und dort ihre zierlichbuschige Krone. Alleen laufen in verschiedenen Richtungen aus und stoßen fast alle auf Gärten. Obgleich von jedem Fluß entfernt, hat Sassari doch Ueberfluß an frischem und süßem Wasser; man behauptet, es gäbe ringsum über vierhundert Brunnen, deren größter, die Fontana del Rosello genannt, eine Merkwürdigkeit der Stadt ist.
Die Fontana del Rosello, an dem Fuße eines Hügels angelegt und von Bäumen umgeben, ist über fünfzig Fuß hoch, und von unten bis oben mit weißem Marmor bekleidet. Auf den zwei breiten Seiten des Paralellopipedes, in dessen Form sie gebaut, springen drei, auf den schmälern zwei Wassergüsse hervor, auf den vier Ecken stehen lebensgroße Statuen von Marmor, die vier Jahreszeiten vorstellend. Auf dem ersten Paralellepipedum befindet sich ein kleineres, auf welchem fünf Thürmchen, abermals mit Wappen und Figuren geziert, stehn, den Gipfel bilden zwei Bogen von carrarischem Marmor, die einander durchkreuzen und die auf dem Berührungspunkte die Reiterstatue des Schutzheiligen Sassaris, des heiligen Gavino, tragen. Man kann dies Bauwerk in Anbetracht seines architektonischen Styls bedenklich finden, interessant und prächtig ist es durch seine Verschwendung von Marmor immerhin und die Flut von Wasser, die aus dem geöffneten Mund dieser Flußgötter und Flußgöttinnen niederrauscht, ist in diesem Klima und unter diesem Himmel doppelt erfreulich. Von früh bis spät ist die Fontaine von Wasserträgern belagert, die ihre Fässer unterstellen und damit ihre Esel belasten. Nachmittags ist das Thal von Rosello eine besuchte Promenade.
Am andern Morgen besuchte ich das Kloster der Claustrali di San Francisco. Von der freien Gallerie desselben hat man eine herrliche Aussicht auf die Campagna und das Meer in der Ferne, unten liegt ein Garten voll blühender Orangenbäume. Ich stand noch, das Bild betrachtend, zwischen den Säulen der Gallerie, als ein Mönch an mich herantrat und mich freundlich begrüßte. Es war der Klosterbruder, mit welchem ich die Tour im Eilwagen von Cagliari bis Oristano gemacht hatte. „Wo haben Sie“, fragte er, „sich inzwischen herumgetrieben?“
„Ich erzählte ihm von meiner Reise über das Gebirge von Milis bis Macomer.“
„Sie sind sehr unvorsichtig gewesen,“ sagte der Mönch, als ich mit meiner kurzen Beschreibung zu Ende war. „Einem Fremden vollends kann in diesen Einöden das Aergste begegnen. Wie haben Sie das Land im Allgemeinen gefunden?“
„Theilweise sehr schön, aber sehr öde und schrecklich verwahrlost, man glaubt kaum mehr in Europa zu sein. Sardinien ist so groß, hat über vierhundert Quadratmeilen, könnte gewiß zwei Millionen Einwohner nähren, wie es denn auch im Mittelalter bereits weit über eine Million genährt und giebt kaum sechsmalhunderttausend Menschen Nahrung und Obdach.“
„Die Vendetta, die ewigen Kämpfe der Hirten untereinander, entvölkern das Land“, erwiderte der Mönch. „Wo sollte auch Wohlstand und Civilisation herkommen? Der größte Theil der Insel gehört Adeligen, die nie hierhergekommen und ihre Einkünfte, die ein Verwalter unbarmherzig eintreibt, in Genua oder Barcellona verzehren. Wir sind das Irland von Piemont.“ Ich war indessen an der Seite des Mönchs die Treppe hinabgegangen; aus der Klosterküche, an der wir vorüberkamen, trat eine Anzahl alter, preßhafter Leute heraus, die dort gespeist worden waren.
„Sehn Sie sich die alte Frau dort an“, sagte der Mönch. „Das ist eine der Merkwürdigkeiten unserer Stadt.“
„Wie so?“
„Sie hat vor ungefähr dreißig Jahren zwei weibliche Zwillinge geboren, die bis zum Gürtel herab zwei, und vom Gürtel abwärts Eins waren. Die Kinder lebten und erhielten in der heiligen Taufe die Namen Christina und Margaritha. Das eine Kind war gesund und kräftig, das andere bleich und schwächlich. Die Bewegungen beider waren von einander unabhängig, sie hatten zwei Herzen, die zu gleicher Zeit schlugen und sie schliefen auch immer zu gleicher Zeit. Es schien nicht unmöglich, daß sie heranwachsen und selbst Mütter werden könnten, aber Beide konnten mitsammen nur ein Kind gebären, dasselbe Kind hätte zwei Müttern angehört. Die Eltern, habsüchtige Leute, glaubten mit ihrem Zwillingsgeschöpf viel Geld verdienen zu können und gingen damit nach Paris. Dort erkrankte jenes der Kinder, das bisher immer das schwächlichere gewesen war und starb in einem Alter von acht Monaten. Das andere lebte noch einige Tage lang fort, als das Schwesterchen schon eine Leiche war. Damit war die Nahrungsquelle der Eltern versiegt, sie kehrten nach Sassari zurück und sind jetzt noch ärmer, als sie vordem gewesen.“
Wir waren inzwischen in den Garten gekommen. „Hier,“ sagte der Mönch, „hat jeder Bruder seinen Orangenbaum, der ihm angehört und den er warten muß. Und bei dieser Gelegenheit kann ich Ihnen eine poetische Geschichte erzählen. Einer unserer Ordensbrüder, der einigermaßen ein Freigeist war, wurde von seinem Obern aus Sassari fortgeschickt und in ein Kloster im südlichen Theil der Insel verbannt. Nun aber hing der Mensch mit unglaublicher Liebe an uns Allen, am Kloster, in welchem er Jahrelang gelebt, an seiner Zelle, seinem Garten und seinem Orangenbaume. Er that Alles, um die Erlaubniß zu erhalten, zurückkehren zu dürfen, der Prior weigerte sich. Endlich starb der Prior, und der Bruder — er hieß Andrea — durfte wieder in’s Kloster der Claustrali di San Francisco ziehn. Wie alt war er geworden, wie verändert, als er bei uns eintrat! Doch er hatte kaum unsern Gruß erwidert, als er schon in den Garten eilt, um seinen geliebte Baum zu sehn. Er setzte sich in dessen Schatten und wir ließen ihn allein. Es ward Abend, Andrea kam nicht wieder, man geht ihn zurückzuholen — er war todt. Er hatte die Freude nicht überlebt, war ruhig eingeschlafen, um nicht mehr zu erwachen.“
Mit solchen Erzählungen unterhielt mich der gute Bruder, zuletzt lud er mich ein, auf seine Zelle zu kommen und dort mit ihm ein kleines Frühstück einzunehmen. Das Anerbieten war so freundlich gestellt, daß ich es nicht ausschlagen konnte. Der Mönch breitete ein weißes Tuch auf einem kleinen Tische aus, und brachte aus seinem Schranke Weißbrod und Honig und eine Flasche Wein hervor. Hungrig und durstig, wie ich war, that ich dem frugalen Mahl alle Ehre an. Amarior melle Sardo war einst ein römisches Sprüchwort, das Horaz citirt; mir aber hat selten noch etwas so gut geschmeckt, wie der goldene Honig und das weiße Brot in der Klause des San Franziscus zu Sassari.
VII.
Alghero. — Ein vergessener Poet. — Fahrt zur Grotte des Neptun. — Sonnenaufgang. — Unterirdische Wunder.
Nun blieb mir von Sardinien nur noch Eines und zwar, wie ich hörte, das Wichtigste zu sehen übrig: die Grotte von Alghero. Dies ist eine Tropfsteinhöhle von ganz außerordentlicher Ausdehnung und seltenster Pracht, die von der Seeseite her einen Zugang hat. Der Besuch derselben ist nur in den Sommermonaten Juni, Juli, August möglich und auch da nicht immer. Ich hörte, daß in der letzten Zeit mehrere Familien von Sassari dort gewesen wären, und da stand meine Absicht fest, mein Glück zu versuchen.
Ein milder Abend war’s, als ich, von Sassari kommend, die lange Linie des Vorgebirgs am Horizonte leuchten sah, und die alterthümliche Stadt sich endlich zeigte.
Alghero ist eine gut gebaute und herrlich gelegene Stadt mit einem befestigten Hafen, welche von Catalanen gegründet ward, ihre Blüthezeit im Mittelalter hatte, jetzt aber, besonders seitdem Porto Torres sich durch seine Handelsbeziehungen zu Genua hebt, wesentlich herabgeht. Der Handel des Ortes erstreckt sich selbstverständlich blos auf Naturprodukte: Käse, Wein, Häute, Wolle, Korallen. Die Weine von Alghero sollen die besten der Insel sein.
In dieser alten catalonischen Stadt, die heute noch catalonisch spricht, fehlt es nicht an historischen Erinnerungen. Hierher kam Carl V. nach seiner zweiten africanischen Expedition, die so unglücklich wie die erste glücklich ausfiel. Man zeigt noch den schönen Palazzo Albis oder Maromolda [sic: Marmolada], in welchem er wohnte und das Fenster, von dem er der Ausschiffung seiner Flotte zugesehn. Aus einer Bizarrerie des Respekts wurde es zugemauert, damit fortan kein Anderer mehr da hinausblicke.
Auch einen, einst vermuthlich berühmten, jetzt völlig vergessenen, Poeten hat Alghero geboren, den Antonio de la Frasso [Lo Frasso]. Im sechsten Capitel des Don Quichote, wo der Pfarrer und der Barbier ihren Gerichtstag über die Bibliothek des Edlen von la Mancha halten, stoßen sie auf die „zehn Bücher vom Glück der Liebe,“ verfaßt von Antonio de la Frasso [Lo Frasso] und der Pfarrer sagt: „Bei meinem heiligen Amt, seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und Poeten Poeten, ist kein so anmuthiges und tolles Buch geschrieben worden, es ist das trefflichste, ja das einzige unter allen, die in dieser Haltung jemals an das Licht der Welt getreten sind, und wer es noch nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß er noch nichts vollkommen Schönes gelesen hat. Gebt es gleich her, Gevatter, dieser Fund ist mir mehr werth, als wenn mir Einer ein Priesterkleid von florentinischem Tuche geschenkt hätte.“
Dieses Urtheil des Cervantes stammt aus einer Zeit, wo Alghero, dieser jetzt so öde Ort noch in enger und reger Verbindung zu dem mächtigen Spanien stand und eine blühende, gesittete, reiche Colonie war. Alghero hieß damals im Munde der Katalonier allgemein Barcellonetta und erfreute sich in Spanien ganz eigenthümlicher Ehren. Stets befand sich ein Bürger von Alghero im Stadtrath von Barcellona, während andererseits ein Bürger von Barcellona seinen Stuhl im Rath von Alghero hatte. Kein Wunder also, daß der Schöngeist La Frasso auch in Spanien gelesen wurde.
Der Nachmittag war lieblich milde, ich ging eine weite Strecke die Meeresküste entlang. Die Wogen brachen sich mit regelmäßigem Donnerfall, sonst war nahe und fern in der Einsamkeit der Dünen kein Ton zu vernehmen. Endlich kam ich an das alte Gemäuer eines Wachtthurmes, der von einer Klippe ins weite Meer hinausschaut. Der wilde Feigenbaum hatte ihn mit seinen rankenden Aesten umklammert, eine Anzahl wilder Tauben horsteten oben in den Zinnen. Ich warf mich müde in seinen Schatten nieder und blieb lange dort. Thürme wie dieser laufen rund um die Insel und sind Denkmäler einer wilden, stets in Gefahr lebenden Zeit. Sie wurden von den spanischen Vicekönigen errichtet und mit Feldstücken versehen, um die Küste gegen die Korsaren, die aus der Berberei herüberzukommen pflegten, zu schützen. Diese Thürme sind rund, mit sehr dicken Mauern, haben aber im Erdgeschoß keine Thüre. Die Wächter, die sonst dort Wache hielten und in der Nacht das Feuer anzündeten, stiegen auf einer Leiter hinauf und zogen diese hinter sich nach. Mittelst der Signale von Feuer oder Rauch, die sie machten, konnten Nachrichten schnell um einen großen Theil der Insel laufen.
An der Klippe unter mir kam eine kleine Feluke angefahren und warf ihre Netze aus. Es waren Korallenfischer. Alghero hatte in alter Zeit die Reputation, die vorzüglichsten Korallen im Mittelmeer zu liefern und hätte sie noch immer, wenn die von der Nordküste Afrika’s nicht jetzt beliebter wären.
Die Art, wie hier die Korallenfischerei betrieben wird, ist die primitivste, die es geben kann. An ein Kreuz aus Latten, das in der Mitte mit einem großen Kieselstein beschwert und in seiner ganzen Länge und Breite lose mit Hanf umwickelt ist, sind vier Netze beutelartig befestigt. Die ganze Vorrichtung ist an zwei Seilen aufgehangen, von denen man eins an den Vordertheil, das andere an den Hintertheil des Bootes knüpft; nun wird das Ganze ins Meer hinabgelassen. Hier treibt die Gewalt des Wassers die Maschine gegen die Felsvorsprünge, auf welchen die Korallenbäume wachsen, die Aeste fangen sich im Hanf, brechen ab und fallen, zum Theil mindestens, in die Beutel, die nun heraufgezogen werden.
Auch dies so einfache Geschäft wird nicht von Sarden betrieben. Genueser, Spanier und Toskaner kommen alljährlich in mindestens tausend kleinen Schiffen herüber, zahlen ein Ankergeld und eine Abgabe von fünf Prozent vom Werth des Fanges; die Sarden sehen zu. Diese Fischerei dauert von Ende April bis Ende September an jedem Tage, wenn kein Maestro weht. Hat ein Fischer in einer Saison fünfzig Pfund Korallen erster Qualität bekommen, so ist er zufrieden und nennt es ein gutes Jahr. — Die Korallen verkauft man nach dem Gewicht, die Unze zu drei bis vier Franken. Sie haben nur eine Zeit, in der sie schön sind; sie verderben durch das Alter, werden blaß oder fleckig und fallen endlich vom Stamm. Terragliokorallen, d. h. auf der Erde gesammelte, werden für nichts angesehen.
Gleich nach meiner Ankunft erkundigte ich mich im Café, wie es um den Besuch der Höhle stehe. Ich erfuhr, daß sie zwei Miglien entfernt, am äußersten Ende des Cap Caccia, nahe an der Insel Foradada liege, und daß die Strömung und die Gewalt der anschlagenden Wellen sie sehr schwer zugänglich mache. Mehrere Gesellschaften hätten unlängst, nach fruchtlosen Versuchen sie zu betreten, umkehren müssen, wiewohl dies eben die beste Zeit sei. Alles, was man mir von den Hindernissen des Zugangs sagte, war höchst entmuthigend. Ich kam in’s Hotel mit der Ueberzeugung an, daß mein Ausflug nach Alghero in dieser Beziehung ein vergeblicher gewesen sei.
Am andern Morgen hörte ich Tröstlicheres. Man sagte mir, eben jetzt sei das Meer ganz besonders ruhig; wenn nie, müsse der Besuch jetzt gelingen. Es galt nun, auch eine Gesellschaft, die mit mir die Kosten des Schiffes und der Beleuchtung theilen wollte, zu finden. In der That lernte ich später im Café eine spanische Familie kennen, wir verabredeten alles und gaben uns ein Rendezvous für die heutige Nacht. Mitternacht war eben vorüber, als wir, vier Männer und zwei Damen, aus dem Cafeehaus von Alghero traten und in das Segelboot stiegen, das uns an das Cap Caccia bringen sollte. Das Meer war sehr bewegt, aber mit silberner Klarheit blickten die Sterne herab. Der jüngste der drei Spanier hatte eine Guitarre mitgenommen und sang Lieder von sterngleichen Augen und kalten tyrannischen Herzen. Die Bewegung des Schiffes weckte mich bald wieder, nachdem ich eingeschlafen war.
Der Tag erwachte. Ich sah die eintönige, bleigraue Dämmerung immer lichter und durchsichtiger werden, dann den zuerst gelben, dann orangefarbigen Streif im Osten sich immer feuriger ausbreiten, bis der brennende Sonnenball endlich, wie mit einem Sprunge hervortauchte und Wasser und Küste in voller Pracht zeigte. Eine Zeitlang rollten die Wogen, wie von purem Golde, der Wind erwachte, das Meer sang sein großes Morgenlied, Seemöven halb schwarz, halb weiß, kamen mit lautem Geschrei vorüber, das Gemüth fühlte sich aller kleinen Beziehungen ledig, unendlich erhoben, selig. Ich werde den Moment nie vergessen. Es mochte acht Uhr sein, als wir die Spitze des Vorgebirges erreicht hatten. Unser Steuermann, ein alter Schiffer, der die Tour schon oft gemacht, gab gute Hoffnung. Dies belebte uns noch höher. Wir lenkten einer Felswand zu und befanden uns bald vor der Mündung der Höhle. Diese ist eine Kluft im Felsen, mindestens fünfzehn Klafter hoch und zwanzig Klafter breit. Man tritt durch sie in eine Vorhalle von wunderbarer Pracht. Weiße Stalaktiten, die von der Decke herabhängen, erglänzen im Dämmerlicht mit einem wundervoll grünlich-azurnen Scheine. In diesem Vorgemach liegen ungeheure Säulen zerstückelt auf dem Boden. Die Einen hat ein habsüchtiger Beamter von Alghero abzulösen versucht, um damit seine Villa bei Nizza zu schmücken, die anderen melden von der fast unglaublichen Barbarei eines englischen Seecapitäns. Dieser hat aus Aerger, daß er nicht in die Höhle dringen konnte, mehrere Geschützladungen gegen die schönsten Säulen der Vorhalle abfeuern lassen und noch viel ärger als sein Landsmann Elgin sich an einem Tempel, den die Natur gebaut, versündigt. Eine der riesigen Stalaktiten ist, wunderbar genug, diesem vandalischem Zerstörungswerk entgangen; sie erhebt sich einzeln, schneeweiß in der Mitte der mächtigen Halle und es ist, als ob sie diese trage. Das klare Wasser, das ewig an ihr herabtröpfelt, schmilzt und benagt ihr Piedestal und bildet hiedurch gleichsam eine ungeheure alabasterhelle Schaale, in welcher die Seemöven, die ringsum in den Nischen nisten, ein Bad zu nehmen kommen.
Diese Schale ist immer voll von einem klaren, eiskalten, süßen Wasser. Der Thau, der so an der Säule herabsickert, füllt in der Stunde ein kleines Trinkglas.
Wir warteten, im Kreise auf den umgestürzten Säulen sitzend, wohl eine Stunde und labten uns an der kalten Küche und dem trefflichen Wein von Alghero, den wir mitgebracht. Indessen waren unsere Schiffleute in die Grotte gedrungen, um sie zu beleuchten. Die Vorbereitungen sind nicht gering. Mit Lebensgefahr müssen die Leute zwischen den Felsen hinanklettern, um ihre Talgkerzen anzustecken. Welch ein Theater beleuchtet dann aber dies Bischen Talg!
Laut rufend kamen unsere Leute zurück. Sie zogen unseren Kahn über den Sand und Kies des Vorsaals hinüber. Nun besteigt man das Fahrzeug wieder und fährt über einen kleinen Salzwaffersee von geringer Tiefe an den Eingang der wirklichen Grotte.
Die dunkle Passage, die Stille, die Kühle, der Takt der Ruderschläge im nachtdunklen Wasser, versetzen das Gemüth in das Reich des Allerwunderbarsten, was man auf Erden erleben kann; kein Traum ist so fremdartig. Es ist Einem ernst und feierlich, wie bei einem Abschied aus der Welt zu Muthe, man macht lebendigen Leibes Dante’s Fahrt in die Unterwelt mit und gelangt endlich in eine Halle, alt wie die Erde selbst, schön und außerordentlich, als habe sie der Gott der Tiefe für seine Proserpina erbaut. Das Auge sieht ganze Enfiladen von Säulen, dazwischen leichte, beinahe durchscheinende Drapperieen, tausend Gebilde aus Stein, eine fremde, phantastische Sculpturwelt der Natur, die man sich als Statuen und Gruppen von Statuen deuten kann. Eine Säule von den ungeheuersten Dimensionen, die fast in der Mitte steht, beherrscht alles Uebrige. Sie ist vermuthlich die älteste Säule der Welt, älter als alle in den Tempeln Indiens oder Oberägyptens; denn wie langsam wächst ein Gebild aus Wassertropfen!
Wie weit die Höhle von Alghero geht, wie groß ihre Ausdehnung, weiß Niemand, denn sie hat nach allen Seiten hin auslaufende Arme, dunkel wie die Schlünde des Erebus, die niemand erforscht hat.
Man befindet sich in einer Feenwelt, und auch diese hat ihre Gradationen, ihre Stufenfolge. Der Kahn führt allmählig in eine Abtheilung, la Rotonda genannt, die selbst das vorher Geschaute überbietet. Die Wände und Decke sind hier wie mit Milliarden von Diamanten bestreut.
Allmählig schmolzen die Kerzen herab, die dieses unterirdische Theater beleuchtet hatten und wir mußten beim Schein der Fackeln unsern Rückweg antreten.
Ich war hochbeglückt, ein Schauspiel gesehn zu haben, das Wenigen zu schauen vergönnt war und doch zu dem Schönsten gehört, was in Europa zu sehn ist. Nun, am Ziel meiner Reise stehend, bedauerte ich die Fahrt nach der Insel nicht. Die Tage von Milis und von Alghero waren ein Lohn für Alles.
Am Abend desselben Tages kehrte ich nach Sassari zurück und nahm mein Gepäck in Empfang, das ich in Oristano auf die Post gegeben hatte. Mit Einbruch der Nacht verließ ich Sardinien und war nach einer kurzen Seefahrt in San Bonifacio, somit auf Corsica.