OLBIA

von Heinrich Von Maltzan

Reise auf der Insel Sardinien

Leipzig 1869

Dykl’sche Buchhandlung

auf Italienisch: 

coll. Marella Giovannelli
Da der Tortoli sich bei diesem Dorfe sechs Stunden auf­halten sollte, besaß ich hinreichende Muße, dessen allenfalsige Merkwürdigkeiten aufzusuchen. Ich fand deren jedoch nur eine, nämlich die uralte, im 11. Jahrhundert restaurierte oder vielleicht ‒ jedoch mit Beibehaltung des ältesten Plans ‒ neu gebaute Kirche des heiligen Simplicius, eines hier hingerichteten Märtyrers.

Wie man aus der Abbildung er­sieht, entspricht ihr Äußeres ganz dem Stil der christlichen Basiliken und auch ihr Inneres bietet diesen ehrwürdigen Typus noch unverfälscht dar.

von www.paradisola.it
by Anna Giles (coll. Marella Giovannelli)
Olbia oder Ulbia, wie es das Itinerarium Antonini Augusti nennt, scheint sich schon im höchsten Altertum einer gewissen Blüte erfreut zu haben. Sein Ursprung wird dem fabel­haften Iolaus zugeschrieben und von Pausanias und ‒ diesem nachbetend ‒ von einigen modernen Autoren auf eine grie­chische Kolonie zurückgeführt, von deren Existenz der im 15. Jahrhundert hier gemachte Fund griechischer Münzen Zeugnis ablegen soll […].

Olbia scheint eine der ersten sardinischen Städte gewesen zu sein, die in die Gewalt der Römer gerieten, in der es auch ‒ von ihrem hier unter L. Cornelius Scipio im Jahr 254 v.Chr. über den karthagischen Admiral Hanno erfochtenen Seesieg an ‒ ununterbrochen blieb. Im Jahr 57 v.Chr. bildete es den Wohnort des Bruders Ciceros, der diesen vor dem mörderischen Klima dieses Ortes in den bereits oben er­wähnten Worten warnt. Die Zerstörung des römischen Olbia verlegt Marmora zwischen die Jahre 427 und 468 n.Chr. und schreibt dieselbe den Vandalen zu. Wie dem auch sein mag, Tatsache ist, dass der Name Olbia nach dem Anfang des 5. Jahrhunderts verschwindet und später an derselben Stelle eine andere Stadt namens Fausania genannt wird, von der im Jahr 594 ein Bischof in der Kirchengeschichte vor­kommt. Dieser Name wird seinerseits im Jahr 778 zum letz­ten Mal angeführt und später erscheint in dieser Gegend ein anderer, nämlich Civita, von dem es jedoch nicht erhellt ist, ob er eine Stadt oder die ganze Gegend bezeichnet habe.

Archäologisches Museum von Olbia - Kopf des Herakles, 2. Jahrhundert.
von Rubens D'Oriano - Das antike Olbia
www.gruppogedi.it - San Simplicio

Unter der Bezeichnung Terranuova kommt der Ort zum ersten Mal im Jahr 1023 vor, und zwar als Residenz des ersten von Pisa ernannten Judex oder Regulus der Gallura, Manfred. Dessen Nachfolger, der Pisaner Baldus, scheint gleichfalls hier residiert Die Bezeichnung Terranuova kommt der Ort zum ersten Mal im Jahr 1023 vor und zwar als Residenz des ersten von Pisa ernannten Juder oder Regulus von Gallura Manfred. Dessen Nachfolger, der Pisaner Baldus, scheint gleichfalls hier residiert zu haben, bis er im Jahr 1054 vom König Baruson oder Paraso vertrieben und das Judikat wieder einem Sardinier verliehen wurde. Ob aber die Judices einheimischen Ursprungs vor und nach der pisanischen Usurpation gleichfalls hier ihren Sitz hatten, ist eine ungelöste Frage. Im 13. Jahrhundert gelangte jedoch eine pisanische Familie, die von der Visconti, durch Heirat in den Besitz dieses Judikats und von dieser wird ein Mitglied, Ugolino oder Nino Visconti, gleichfalls als in Terranuova residierend angeführt. Dieser Nino, der von 1277-1300 regierte, ist derselbe, dessen Dante gedenkt und den er sich freut, nicht unter den Verdammten zu sehen (Purgat. Canto VIII):

Giudice Nin gentil quanto mi piacque
Quando te vidi non esser tra rei.

Er war auch der letzte Juder der Gallura, da Marco Visconti von Mailand, der Gemahl seiner einzigen Tochter und Erbin Johanna, nicht vermochte, seine Rechte den Genuesern, Pisanern und vielen kleinen Lehnsherren gegenüber zu verteidigen, welche sich in die Gallura teilten, bis sie zu Ende des 14. Jahrhunderts in die Hände Aragoniens fallen sollte.

von Aurelio Candido - Schloss Pedres
Das heutige Dorf Terranova besitzt nur eine sehr schwache Einwohnerzahl und durchaus nichts Anlockendes für etwaige fremde Ansiedler, da es einer der berücksichtigten Fieberorte der fieberreichen Sardiniens und die Warnung Cicero’s vor der hiesigen bösen Luft noch heute anwendbar ist. La Marmora behauptet sogar, dass die Ungesundheit der Regend sich seit Cicero’s Zeit noch gesteigert habe.

Jedenfalls waren die Beschreibungen, welche mir Nichtsardinier, die ihr Unstern als Beamte hier zu wohnen zwang, von dem Klima Terranuova’s machten, so schauerlich, dass ich fast selbst einen Schreck bekam, ich könne die böse Luft während der wenigen Stunden meines Aufenthalts in meine Poren aufgenommen haben.

Ich begrüßte deshalb auch mit Freuden den Augenblick der Abreise und war schon lange, ehe er schlug, auf dem Verdeck des Tortoli zurück, wo mich der gute Kapitän Sitzia über die Zweckmäßigkeit unterhielt, wenn in Terranuova ein Depositum für bourbonische Ex-Offiziere und Ex-Beamte zu gründen, da es doch kaum ein schlimmeres Klima gebe als dieses.

coll. Marella Giovannelli

QUELLEN DER ABBILDUNGEN

Postkarten und Fotos aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert

Coll. Marella Giovannelli

San Simplicio, www.paradisola.it

San Simplicio, foto von Anna Giles, coll. Marella Giovannelli

Zeitgenössische Fotos

kopf von Herakles, II sec. – archäologisches Museum von Olbia

San Simplicio, scavi archeologici, von www.gruppogedi.it

schloss von Pedres, von Aurelio Candido – Flickr

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