LA MADDALENA

von Heinrich Von Maltzan

Reise auf der Insel Sardinien

Leipzig 1869

Dykl’sche Buchhandlung

auf Italienisch: 

coll. Antonio Frau
Nach Umsegelung der Punta Falcone, in deren Nähe wir den kleinen Naturhafen Longonsardo (Longones der Römer) zurückließen, wandte sich unsere Richtung südlich mitten in den nach der heiligen Magdalena benannten Archipel, aus dem die Inseln Sparagi, Maddalena, Caprera, Santo Stefano und etwas nördlicher die Gruppe der antiken Cuniculariae Insulae d.h. der Kanincheninseln, deren drei größte jetzt Razzoli, Budelli und Santa Maria heißen, sowie unzählige kleinere Eilande, Klippen. Felsenriffe und Granit­bänke hervorragten.

Die heutzutage so prosaisch benannte Spargelinsel (Isola dei Sparagi), auf der natürlich nie Spargel gewachsen, führte im Altertum als Nymphaea Insula einen viel schöneren Namen und die unweit von ihr gelegene Maddalena die Benennung Ilva Insula.

Erstere nördlich las­send, lenkten wir nun in den schmalen Meeresarm ein, der Maddalena von der Insel Santo Stefano trennt, und gingen bald in dem kleinen Hafen der Magdaleneninsel, Cala Cavetta genannt, vor Anker. Dort sollte der Tortoli einen halben Ruhetag machen.

coll. Antonio Frau
von Nello Anastasio
Die Magdalenen Insel bietet zwar kaum mehr Flächeninhalt als das nahe, von Garibaldi bewohnte Caprera, die Phintonis Insula der Alten. Da sie aber einen Hafen besitzt und sich leidlich fruchtbar erweist, so bildet ihr Hauptort einen klei­nen Bevölkerungsmittelpunkt, der etwa 3000 Seelen zählen dürfte und der denselben Namen wie die Insel selbst führt. Dieses Städtchen besteht aus soliden Häusern aus dem die ganze Inselgruppe bildenden Granit. Hier erscheint er jedoch nicht wie in Tempio mörtellos verbunden; auch versteckt er unter dem jährlich erneuerten Gewand eines grellweißen Anstrichs seine raue Oberfläche. Der Granitfels selbst bildet auch den Straßenboden, der so der Natur ein festeres Pflaster verdankt, als ihm die Kunst zu verleihen imstande wäre.
coll. Antonio Frau
coll. Antonio Frau
Die Bevölkerung, aus allen italienischen Küstenländern zusammengewürfelt, redet teils den korsikanisehen, teils den genuesischen Dialekt und scheint sich mit Vorliebe dem Seedienst zu widmen. Aus ihr stammten viele der tüchtigsten Seemänner des sardinischen Staates, unter anderen nicht weniger als fünf Admiräle. Dieser Umstand muss uns um so mehr auffallen, als sich die Bevölkerung immer sehr schwach zeigte und überhaupt einen sehr neuen Ursprung hat. Denn vor dem Jahr 1767, als Sardinien zum ersten Mal von dieser Insel offiziell Besitz nahm, war das herrenlose Eiland beinahe unbewohnt geblieben, ähnlich wie die Nach­barinsel Caprera bis zu Ansiedlung Garibaldis.
coll. Luzzietti, Inselbewohnerin von Maddalena, ca. 1795-1805
von Nicola Tiole
Merkwürdiges besitzt Maddalena nur in einigen histori­schen Erinnerungszeichen, die einen im Jahr 1793 von den Franzosen unternommenen, aber fruchtlos gebliebenen An­griff auf die Insel verewigen. Dieser Angriff wurde von kei­ner geringeren Persönlichkeit in zweiter Linie befehligt, als von dem damaligen Artille­rieoffizier Napoleon Bonaparte, dem späteren Arbitrium mundi.

Seltsamerweise sollte er hier seine kriegerische Laufbahn mit einer Niederlage, welche freilich stets obskur blieb, beginnen, einer Niederlage, von welcher wohl kaum die Geschichte reden dürfte, die aber die beredten Zeugen seiner Flucht, nämlich die in aller File zu­rückgelassenen Artilleriegegenstände und Instrumente, be­wahrheiten. Unter Erstem befindet sich eine noch jetzt in Maddalena bewahrte Kanone, unter Letztem ein großer hölzerner Quad­rant, den er beim Zielen benutzte.

Dass er das Zielen sehr gut verstanden haben muss, verbürgt die Tradition des Vol­kes, welche noch jetzt viele der in den damals bewohntesten Vierteln gelegene Stellen angibt, wohin seine mörderischen Explosionskugeln drangen. Von diesen Kugeln kann man noch mehrere in Maddalena bewahrt sehen, eine sogar auf dem Gipfel eines pyramidenförmigen Denkmals, das die Niederlage des größten Feldherrn der Welt vor dem kleinen und schwachen Maddalena-Städtchen verewigt. Damals bildete es nämlich noch eine Festung, freilich wohl nur vier­ten Ranges. Jetzt hat man jedoch die Fortifikationen nicht nur gänzlich aufgegeben, sondern auch um Spottpreise ver­kauft, so dass zum Beispiel ein ganzer Festungsturm für 300 Franken erstanden wurde.

Philippoteaux - Napoleone Bonaparte, 1835
archipendolo, 1860
Eine der "Napoleon-Bomben" am Rathaus von La Maddalena
Eine der "Napoleon-Bomben" am Rathaus von La Maddalena
Garibaldi e Caprera

In so geringer Entfernung von dem Wohnort des moder­nen Cincinnatus, der von Maddalena nur durch einen schmalen Meeresarm getrennten Ziegeninsel, konnte ich natürlich der Versuchung nicht widerstehen, die Wohnung des Mannes zu sehen, dessen Name seit Jahren die Zeitun­gen der ganzen Welt füllt. Der gute Kapitän Sitzia, der selbst seinem Lieblingshelden einen Besuch abstatten wollte, bot mir hierzu durch sein Anerbieten, mich mitzunehmen, die beste Gelegenheit.

Wir schifften uns also auf der leichten Ruderbarke des Tortoli ein, die uns an der sehr kleinen Gar­teninsel (Isola dei Giardini) vorbei und in halbstündiger Fahrt nach dem Granitfels von Caprera trug.

Im Zentrum Santo Stefano, links La Maddalena, rechts Caprera
coll. Antonio Frau
Diese antike Phintonis Insula, die nicht weniger als fünfein­halb deutsche Meilen im Umkreis misst, besaß vor Garibaldis Ansiedlung im Jahre 1854 weder eine bleibende Bevöl­kerung noch Ackerbau oder Weinzucht.

Ein Engländer na­mens Colens [Collins], dessen Witwe (eine sehr originelle und, wie man mir sagte, etwas verrückte Dame) noch jetzt ein einsa­mes Haus auf der Magdaleninsel bewohnt, hatte freilich schon vor Garibaldi einen Teil der Insel angekauft, seine Ausbeutung jedoch auf Viehzucht beschränkt. Der Englän­der erlag bald dem keineswegs gesunden Klima dieser Inseln und seine Witwe teilt jetzt den Besitz von Caprera mit dem berühmten Mann, denn außer diesen beiden gibt es hier kei­ne Grundeigentümer.

www.lamaddalena.info - Casa Collins
coll. Antonio Frau
Etwas Ackerbau, einige Weinberge, Gemüsepflanzungen, die Garibaldi hier anlegte, und sein ziemlich zahlreicher Viehstand sollen genügen, um ihn sowie seine Familie und die bei ihm wohnenden zwanzig bis dreißig seiner Anhänger zu erhalten, ein Umstand, gegen den ich einige bescheidene Zweifel wage. Denn einmal gestattet der Regenmangel hier nicht alljährlich eine gute Ernte, und dann sind die Tischge­nossen so zahlreich, dass ich wirklich schwer begreife, wie man sie alle aus den sehr mageren Produkten des unfrucht­baren Caprera selbst in guten Jahren nähren kann.
coll. Antonio Frau
Nachdem wir diese Pflanzungen besichtigt, auch auf ein kleines Heer von halbwilden Ziegen gestoßen waren, welche alle von einigen wenigen dieser sich so schnell vermehren­den Tiere abstammen, die Garibaldi in der ersten Zeit seiner Ankunft freiließ und die nun seinen Freunden das Vergnü­gen der Jagd und seinem Tische Wildbret gewähren, langten wir bei dem Wohnhause des Generals an. Es scheint im Stil südamerikanischer Plantagenbauten angelegt, besitzt nur ein Erdgeschoss und kann meiner Schätzung nach höchstens 10-12 Zimmer enthalten.
coll. Antonio Frau
Ich hatte so Mannigfaches von einem zweiten ‒ und zwar eisernen ‒ Hause gehört, das ihm einige Verehrer aus Eng­land geschickt haben sollten, und so viel pomphafte Be­schreibungen desselben vernommen, dass ich natürlich vor Begierde brannte, auch dieses in Augenschein zu nehmen. Die berühmte Casa di ferro (eisernes Haus) erwies sich je­doch bei Besichtigung als ein keineswegs geräumiger Pavil­lon von der Größe einer Gartenlaube. Und wenn die Englän­der wirklich wähnten. Garibaldi würde sie zur Wohnung erwählen, so müssen sie sein Einsiedlerleben doch ein wenig zu buchstäblich aufgefasst haben, denn es bot nicht mehr Raum als eine Mönchszelle.
von Daniel Ventura
Mein Begleiter ging einen Augenblick ins Haus, um sei­nem Freunde die Hand zu drücken, erschien jedoch bald wieder, da er voller Rücksicht für Garibaldis Abneigung gegen lange Besuche war. Er hatte mir angeboten, mich dem General vorzustellen, aber so groß meine Neugier auch sein mochte, so wusste ich sie doch im Zaum zu halten. Was für einen Wert konnte mein Besuch für Garibaldi haben? Durchaus keinen. Der arme Mann muss ohnehin die Berühmtheit teuer genug bezahlen, denn nicht immer kann er sich das Heer der Zudringlichen, das sogar seinen Weg nach dem einsamen Caprera findet, vom Leibe halten. So blieb ich fest entschlossen, ihm wenigstens einen langweiligen Fremdenbesuch zu ersparen.

Übrigens hatte ihn Sitzia auch krank und von seinem ge­wohnten Rheumatismus, jener in Sardinien so sehr verbreite­ten und oft sehr bösartigen Krankheitsform, schwer geplagt im Bett angetroffen. Dennoch versicherte mir der Kapitän, dass der selbst gegen die wildfremdesten Besucher zuvor­kommende Mann mich gewiss empfangen haben würde. Hätte er doch neulich sogar eine schreckliche Engländerin vorgelassen, eine fanatische Methodistin, die eigens nach Caprera gekommen war, um ‒ wie sie sagte – „Garibaldis Seele zu retten“. Dieses sollte durch einige Dutzend von Traktätlein bewerkstelligt werden, von denen sie ihm eines sogar vorlas. Und der gutmütige Mann hatte die Geduld, sie anzuhören, und die Gefälligkeit, sie noch nach Kräften gut zu bewirten.

coll. Antonio Frau
Zum Dank dafür ließ sie ihm einige hundert Bibeln zu­rück, um sie, wie sich die Dame ausdrückte, „unter die umnachteten Bewohner von Caprera zu verteilen“. Da aber diese lediglich aus verwilderten Ziegen bestehen, so konnten leider durch das Geschenk der Engländerin bis jetzt noch keine Seelen gerettet werden.

Nebenbei soll der so wenig misstrauische Mann nicht selten das Opfer von Schwindlern werden, die sich für seine wärmsten Anhänger ausgeben, ihm unter irgendeinem Vorwand Geld ablocken und dann spurlos verschwinden.

Nach der Magdaleninsel zurückgekehrt, fanden wir den Tortoli schon zur Abreise bereit und sein mit mir an Bord gekommener Kapitän erteilte bald das Signal zur Fortset­zung des Periplus, der ihn in südlicher Richtung der Ostküs­te Sardiniens entlang nach Cagliari zurückführen sollte.

von Gianni Careddu

QUELLEN DER ABBILDUNGEN

Zeichnungen, Gemälde und Lithographien aus dem 1800er Jahren

Sammlung Luzzietti, “Insulaner von La Maddalena”, ca 1795-1805, IN Francesco Alziator, La collezione Luzzietti: raccolta di costumi sardi della Biblioteca universitaria di Cagliari, De Luca 1963, Zonza 2007.

Nicola Benedetto Tiole, “Einwohner von La Maddalena”, 1819-1826, IN Nicola Tiole, Album di costumi sardi riprodotti dal vero (1819-1826), saggi di Salvatore Naitza, Enrica Delitala, Luigi Piloni, Nuoro, Isre 1990.

Henri Félix Emmanuel Philippoteaux, Napoleone Bonaparte, 1835.

Archipendolo”, IN Alberto La Marmora, Itinerario dell’isola di Sardegna, Torino 1860.

Postkarten und Fotos aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert

Sammlung von Antonio Frau – La Maddalena

Zeitgenössische Fotos

Archipel de La Maddalena, von Nello Anastasio – Flickr

Napoleon – Bomben”, im Rathausgebäude La Maddalena, foto von Antonio Frau

Haus Collins, von www.lamaddalena.info

Daniel Ventura e Gianni Careddu, CC BY-SA 3.0 – wikimedia commons

Im Zentrum Santo Stefano, links La Maddalena, rechts Caprera, CCBY-SA 3. 0 – wikimedia commons

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